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Bye bye, New Orleans? .
von Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Donnerstag, 1. September 2005 / 23:44 h
Die Bilder sind schockierend und herzzerreissend. Verzweiflung, Gewalt, Trauer, Fassungslosigkeit. Die menschliche Tragödie, die dem Zerstörungszug von Hurrikan Katrina folgte, übersteigt die schlimmsten Befürchtungen. Der «Superdome» in New Orleans ist zum Symbol für die Katastrophe geworden, ein desolates Flüchtlingslager mitten im reichsten Land der Welt. Es ist schwer, sich von diesem Schrecken los zu reissen.
Doch die Frage ist – was wird danach kommen? Biloxi und andere Städte, die vor allem vom Sturm zerstört wurden, können vermutlich wieder aufgebaut werden. Aber New Orleans ist ein anderer Fall. Die Stadt, die bereits seit Jahren auf Grund verschiedener Versäumnisse und Fehlentscheidungen immer weiter unter den Meeresspiegel sinkt, ist bereits zu 80 Prozent überflutet.
Selbst wenn es gelingen sollte, die Stadt wieder innert einiger Wochen leer zu pumpen, was keineswegs fest steht, heisst dies noch lange nicht, dass dieses Gebiet wieder bewohnt werden kann.
Die Fundamente und Grundmauern der Häuser werden durchnässt sein, der Boden aufgeweicht. Umweltgifte aus überfluteten Öl- und Chemikalientanks und Exkremente werden den Boden vergiften. Ein toxischer Sumpf wird das ganze Flutgebiet bedecken. Zudem ist die Infrastruktur schwer beschädigt. Tausende Häuser dürften nicht mehr zu retten sein.
Kommt dazu, dass es nicht reichen wird, die Dämme wieder aufzubauen. Nach dieser Katastrophe wäre es erforderlich, den Schutz der Stadt noch wesentlich zu verbessern, die Dämme und Schutzwälle zu verstärken. Zudem müssten die Sumpfgebiete und das Mississippi-Delta wieder hergestellt werden, um Schutz vor zukünftigen Stürmen zu erhalten. Die Kosten für den Wideraufbau wird Milliarden von Dollar betragen.
Vermutlich wird trotz all dieser Hindernisse New Orleans wieder aufgebaut werden. Oder zumindest werden Milliarden für den Versuch ausgegeben werden. Doch hat dies überhaupt noch Sinn? Oder wäre dies nichts anderes als ein Trotzen gegenüber den Tatsachen, ein Ignorieren, dass es ein «lost cause», ein verlorenes Spiel ist?
Doch dies ist eine viel grundsätzlichere Frage, eine Frage, die wir Menschen kaum einmal willens sind mit: «Wir geben auf» – zu beantworten. Doch die fortschreitende Veränderung des Weltklimas – aus welchen Gründen auch immer – wird Gebiete unbewohnbar machen, in denen Menschen seit langer Zeit siedelten. Orte, die vielen ans Herz gewachsen sind, die geliebt werden, die allenfalls sogar als Traumziel gelten, könnten bald schon unbereisbar, unbesiedelbar, nicht mehr zu halten sein. Nicht weil es technisch nicht möglich wäre, sondern weil es nicht mehr finanzierbar ist.
Dabei macht ja New Orleans nicht einmal den Anfang. Die zunehmende Versteppung und Verwüstung von vielen Ländern in der dritten Welt vertreibt bereits Millionen von Menschen aus ihren angestammten Siedlungsräumen. Wenn nun aber auch reiche Industrieländer den Kampf gegen die Naturgewalten verlieren, dann stellt dies eine Zäsur in der neueren Geschichte der Menschheit dar.
Falls wir New Orleans «Bye bye» sagen müssen, wird das viel mehr als der Abschied von einer wunderbaren Stadt sein. Es wird auch ein Abschied der menschlichen Illusion sein, die Naturgewalten beherrschen und den eigenen Lebensraum nach Belieben kontrollieren zu können.
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