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Wenn Tony Blair zum Wodka greift

Hamburg - Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist für Millionen Internetnutzer ein unverzichtbares Nachschlagewerk geworden. Doch da jeder daran mitarbeiten kann, gibt es auch Probleme mit der Verlässlichkeit.

von Christof Kerkmann / Quelle: dpa / Samstag, 18. August 2007 / 19:56 h

Denn nicht alle Wikipedia-Zuarbeiter fühlen sich der Wahrheit verpflichtet: Ein neues Werkzeug namens Wikiscanner enthüllt, dass zahlreiche Unternehmen und Regierungsbehörden Einträge der englischsprachigen Version in ihrem Sinne verändert haben. Kritische Kommentare verschwanden ebenso wie ganze Einträge, die offenbar nicht in die Firmenpolitik passten. Der US-Informatikstudent Virgil Griffith hat das Recherche-Werkzeug entwickelt. Die Idee kam ihm, als publik wurde, dass Abgeordnete des US-Kongresses ihre eigenen Seiten geschönt hatten.

Veränderungen offenkundig machen

«Bei nicht-kontroversen Themen funktioniert Wikipedia schon. Bei kontroversen Themen kann Wikipedia durch Instrumente wie dieses zuverlässiger werden», erklärt er auf seiner Internetseite - also indem politisch, religiös oder kommerziell motivierte Veränderungen offenkundig werden. Die technische Umsetzung ist nicht besonders kompliziert. In der Online-Enzyklopädie können Nutzer alle Änderungen zurückverfolgen - inklusive der IP-Adresse des Bearbeiters, die jedem Computer eindeutig zugeordnet ist. Diese Dokumentation macht sich Griffith zu Nutze: Er besorgte sich eine Datenbank mit den Adressen bekannter Institutionen und Firmen, die meisten aus den USA. Der Wikiscanner gleicht die Daten mit den Lexikon-Einträgen ab - und spuckt aus, wer welche Artikel bearbeitet hat.

Gezielte Manipulation

Das US-Magazin «Wired» hat mit der Software eine lange Liste verdächtiger Veränderungen erstellt. Einige Resultate sind banal oder lustig, andere offenbaren gezielte Manipulationen. So versuchte jemand von einem Rechner der israelischen Regierung aus, den Text über die Mauer in den palästinensischen Gebieten zu löschen. Übrig blieben wenige Sätze.



Eher kindisch sind Einträge, die ein Mitarbeiter der BBC vornahm. Der anonyme Autor behauptete, der ehemalige britische Premier Tony Blair habe bei einem EU-Gipfel zu viel Wodka getrunken. /

Die Entscheidung der UNO das umstrittene Bauwerk als illegal zu bezeichnen, sei «abscheulich, undemokratisch, illegal, rassistisch», heisst es nur noch. Der Ölkonzern Chevron-Texaco löschte demnach gleich den ganzen Text über Biodiesel. Und Microsoft liess eine kritische Passage über seine fehleranfällige Spielkonsole XBox 360 verschwinden. Doch nicht nur für Unternehmen und Regierungsbehörden enthält die Liste peinliche Enthüllungen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat den eigenen Eintrag verändert. Verweise auf kritische Texte verschwanden zwischenzeitlich.

«Nichts weltbewegend Neues»

Eher kindisch sind dagegen Einträge, die ein Mitarbeiter der BBC vornahm. Der anonyme Autor behauptete, der ehemalige britische Premier Tony Blair habe bei einem EU-Gipfel zu viel Wodka getrunken und sich dann «lebhaft» im Schlafzimmer ausgetobt. Ursprünglich war von Blairs ungesund hohem Kaffeekonsum vor einem Besuch im Fitness-Studio die Rede. Die Betreiber von Wikipedia sehen die Veröffentlichungen betont gelassen. «Das ist nichts weltbewegend Neues», sagt Arne Klempert, Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland. Alle Beiträge würden von den zahlreichen Autoren permanent überprüft. Nun sei nur «übersichtlich zusammengefasst», welche Unternehmen und Institutionen Wikipedia bearbeiteten.

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