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Der Wahn vom ewigen Wachstum.von Patrik Etschmayer / Quelle: news.ch / Montag, 1. Februar 2010 / 11:24 h
Stellen Sie sich mal vor, sie würden ständig weiter wachsen. Sie hätten nicht aufgehört damit, als sie 18 oder 19 waren. Stattdessen werden sie jedes Jahr 2% grösser. Mitte fünfzig wären Sie etwa vier Meter gross und würden über 300 kg wiegen. Und es würde immer so weiter gehen.
Ein solcher Zustand wäre zweifellos krankhaft und würde früher oder später zu einem katastrophalen Kollaps führen. Es gibt praktisch kein Tier und auch nur wenige pflanzliche Organismen, die immer weiter wachsen. Dies gilt auch für Meta-Organismen, wie Rudel und Insektenvölker, die kooperativ im Kollektiv zusammenarbeiten. Ab einer bestimmten Grösse bilden sich neuen Völker, machen sich neue Rudel selbstständig, Schwärmen neue Königinnen aus.
Allerdings sorgen meistens die Umweltbedingungen dafür, dass bestimmte Grössen nicht überschritten werden: Die Nahrung – sprich Energie – welche zur Verfügung steht, ist immer ein beschränkender Faktor. Eigentlich wächst nur etwas unbeschränkt und ständig weiter: Krebs – nicht unbedingt das beste Rollenmodell, oder?
Das einzige «Tier», dass es bisher schaffte, die natürlichen Grenzen des Wachstums immer und immer wieder auszudenen, ist der Mensch. Und er macht dies in sämtlichen Dimensionen. Er beutet immer mehr Ressourcen aus, die Bevölkerung wächst seit Jahrtausenden und wenn einmal kein Wachstum stattfindet, gilt dies als ziemliches Unglück.
Aussagen wie «unsere Gesellschaft benötigt Bevölkerungswachstum», «die Produktion der Wirtschaft muss weiter Wachsen» und «Nullwachstum ist tödlich», können weitgehend unwidersprochen geäussert werden.
Angetrieben wurde dieses Wachstum in den letzten hundertfünzig Jahren primär von den fossilen Brennstoffen. Sowohl unsere Mobilität, unser komfortables Leben in klimatisierten Häusern als auch unsere Ernährung (Traktoren und Kunstdünger) hängt von diesen organischen Überresten aus längst vergangenen Zeiten ab und vermutlich ist fünf vor zwölf schon vorbei, was die noch vorhandenen Vorräte angeht.
Sicher, die nächsten zehn oder zwanzig Jahre wird es noch genügend Öl haben... dabei hilft auch die momentane Rezession, welche den weltweiten Energieverbrauch reduziert.
Doch die Vorräte SIND begrenzt. Daran ändern auch gegenteilige Behauptungen nichts und wenn jetzt wieder nach Wachstum geschrien wird, dann sollte auch die Frage erlaubt sein, mit welcher Energie dieses in einer oder zwei Generationen noch angetrieben werden soll. Spätestens in 100 Jahren werden wir nämlich all das Öl, dass sich in Millionen von Jahren gebildet hat, verbrannt haben. Und die Kohle auch. Ohne diese Energiequellen wird es allerdings unmöglich, ein Leben wie heute weiter zu führen.
Wenn sich konservative Medienkommentatoren über die pathetisch kleinen Anteile erneuerbarer Energien lustig machen, dann vergessen Sie dabei, dass spätestens ihre Grosskinder auf Gedeih und Verderb auf diese angewiesen sein werden. Das irre Bevölkerungs- und damit einhergehende Wirtschaftswachstum der letzten 150 Jahre hat dafür gesorgt, dass die Bedeutung von «nicht erneuerbar» bald schmerzhaft fühlbar wird: Was weg ist, ist weg!
Die momentane Krise wird von vielen als Chance zum Umdenken wahrgenommen. Allerdings scheint sich dieses Umdenken darauf zu Beschränken, Wachstum ein wenig umweltverträglicher zu gestalten.
Der Haken ist: Der Traum vom ewigen Wachstum ist ein Wahn. Wir sind, um auf den Anfang der Kolumne zurück zu kommen, längst fünf Meter gross und werden beinahe vom eigenen Gewicht erdrückt. Wir müssen gesellschaftliche und wirtschaftliche Wege finden, eine Null-Wachstums-Gesellschaft gründen.
Ein «Mehr» darf lediglich durch bessere Ressourcen-Ausnutzung angestrebt werden, ansonsten muss ein Stopp, am besten der Rückwärtsgang eingelegt, die Zeit des quantitativen Wachstums zu Ende gebracht werden und dies überall: Sei es bei der Bevölkerung oder dem Rohstoffabbau.
Ein solcher Paradigmenwandel widerspricht dem Wesen des Menschen, dessen Erfolg seit Jahrtausenden auf Expansion und Wachstum beruht. Doch wir sind für diese Erde zu gross geworden. Es ist nun die entscheidende Frage, ob unser Verstand stark genug ist, unseren Trieb, ständig weiter wachsen zu wollen, zu besiegen. Oder ob wir sehenden Auges in den Abgrund, den wir selbst ausgehoben haben, voran schreiten werden.
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