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«Die Schweiz muss vorausgehen»

news.ch wird neu den Klimablog der ETH auf seiner Website integrieren und diese Plattform, auf der sich Forscher, Wirtschaftsvertreter und Politiker zur Klimaproblematik äussern, so einer breiteren Leserschaft zugänglich machen. Aus diesem Anlass führten wir ein Interview mit Reto Knutti, Assistenzprofessor für Klimaphysik am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich.

et / Quelle: news.ch / Mittwoch, 19. Mai 2010 / 09:54 h

In seiner Forschung befasst sich der 1973 in Saanen geborene Knutti mit den Veränderungen im globalen Klimasystem, die durch den steigenden menschlichen Ausstoss von Treibhausgasen wie Kohlendioxid verursacht werden. Dazu verwendet unterschiedlich komplexe Klimamodelle, die Atmosphäre, Ozean, Land, Meereis und ihre Wechselwirkungen simulieren. Er interessiert sich insbesondere für die Bestimmung wichtiger Rückkopplungsmechanismen im Klimasystem. Aus seiner Arbeit haben zahlreiche Publikationen resultiert, die entscheidend zu einem besseren Verständnis der Unsicherheiten von Klimaprognosen beigetragen haben. Reto Knutti studierte Physik an der Universität Bern, promovierte an der Abteilung für Klima- und Umweltphysik und arbeitete als Postdoktorand am «National Center for Atmospheric Research» in Boulder, Colorado. Er ist Mitautor des neusten Klimaberichts des «Intergovernmental Panel on Climate Change» (IPCC) der unter Anderm die wissenschaftliche Grundlage für internationale Abkommen zum Klimaschutz ist.

«Bei uns war der Winter kalt - in der Arktis zu warm»

news.ch:

Herr Knutti. Als im letzten Winter die Temperaturen und grosse Mengen Schnee fielen und beide längere Zeit blieben, wo sie waren, wurde dies vielerorts als Beweis dafür interpretiert, dass am Klimawandel, gar an einer Erwärmung, nichts dran sein könne. Was kann man zu diesen Zweifeln sagen?

Reto Knutti:

Man muss kurzfristige und lokale Schwankungen von Wetter und Klima von langfristigen Veränderungen trennen. Der letzte Winter war bei uns kalt, aber in der Arktis zu warm. Der April war trocken, dafür ist jetzt in der ersten Hälfte Mai vielerorts schon mehr Regen gefallen als sonst im Monatsmittel. Solche «Kapriolen» sind normal. Als Klima bezeichnet man das Mittel über dreissig Jahre. Dort sind die Veränderungen eindeutig.

news.ch:

Von der Seite der Skeptiker des Klimawandels gibt es Vorwürfe, dass die Erhebung der Daten, deren Auswahl und Interpretation tendenziös sei und sogar haltlose Behauptungen - wie das Schmelzen der Himalaya-Gletscher in den nächsten 30 Jahren - es in offizielle Berichte schafften – dies, weil die Klimadebatte von der Politik gekidnapped worden sei und die Forschung nur noch Resultate liefern dürfe, die dem dominierenden politischen Konsens entsprächen. Ist die Forschung noch unabhängig?

Reto Knutti:

Die Aussage zu den Himalaya-Gletschern im UNO Klimabericht war ein Fehler. Aus Fehlern lernt man, und die Forschung ist ja ein konstantes kritisches Hinterfragen der Erkenntnisse. Zwei Untersuchungsberichte zur gemessenen Erwärmung haben aber keinen Hinweis auf Fehlverhalten oder Datenmanipulation gegeben. Die Offenheit und Verfügbarkeit von allen Daten muss hingegen sicher verbessert werden. Ich bin nicht der Meinung, dass die Politik einen Einfluss auf unsere Forschungsergebnisse hat. Insbesondere hat niemand ein Interesse daran, dass die Klimaänderung möglichst schlimm ist.

90% Sicherheit sind genug für Massnahmen

news.ch:

Wie sicher ist es, dass ein Klimawandel tatsächlich vom Menschen gefördert wird? Es werden ja immer wieder andere Faktoren wie die Sonneneinstrahlung oder ozeanische Oszillationen genannt, wenn es um Klimaveränderungen geht und behauptet, der menschliche Einfluss würde angesichts solcher Faktoren vernachlässigbar sein.

Reto Knutti:

Absolute Sicherheit gibt es nie, aber wir wissen heute mit 90% Wahrscheinlichkeit dass der Mensch den grössten Teil der Erwärmung verursacht hat und dies negative Folgen hat. Das ist bei weitem klar genug, um Massnahmen zu ergreifen. Wenn ein Flugzeug schon nur 10% Wahrscheinlichkeit für einen Absturz hat, würden Sie nicht einsteigen.

news.ch:

Schliesslich gibt es noch jene, die meinen, eine Klimaerwärmung wäre gar nichts schlechtes.



Meint, dass Politik die Forschung nicht beeinflusst: Reto Knutti / Foto: ETH

Als Kronzeuge dient diesen zum Beispiel, dass unter den schmelzenden Gletschern Baumstämme zum Vorschein kommen, die aus der Zeit des römischen Reiches stammen, einer Hochkultur, während der es demnach wärmer als heute gewesen sei.

Reto Knutti:

Die Welt von heute ist mit derjenigen des römischen Reiches nicht vergleichbar. In einigen Szenarien müssen wir zum Beispiel am Ende des Jahrhunderts über 10 Milliarden Menschen ernähren, und das bei gleichzeitiger Abnahme der Ernteerträge durch die Klimaänderung. Man kann sich über die Hochkultur übrigens auch streiten: ein Flüchtlingsproblem wegen Knappheit von Wasser hätten die Römer wahrscheinlich mit einem Kriegsgemetzel «gelöst». Ich bezweifle, dass das heute eine Option ist.

news.ch:

Wie genau sind eigentlich die Klimamodelle unterdessen? Können die komplexen Wechselwirkungen überhaupt halbwegs genau in die Rechnungen einbezogen werden? Sehen Sie selbst noch wichtige Lücken in den Daten?

Reto Knutti:

Die Klimamodelle sind bei weitem nicht perfekt und es gibt noch viele Unsicherheiten bezüglich der lokalen Klimafolgen. In einigen Bereichen sind die Voraussagen aber schon erstaunlich robust, zum Beispiel bei der Zunahme von Hitzewellen und den damit verbundenen Gesundheitsrisiken. Dies hat eine neue Studie der ETH Zürich gerade gezeigt. Unsicherheiten dürfen auch kein Grund sein, das Problem auf die lange Bank zu schieben. Fast alles im Leben ist unsicher, und wir handeln trotzdem. Kaum jemand versteht zum Beispiel die Finanzblasen und hat die Krise vorausgesagt, aber die Leute entscheiden und investieren trotzdem.

Chance, sich gut zu Positionieren

news.ch:

Die globalen Bemühungen, den CO2-Ausstoss zu begrenzen, sind ernsthaft ins Stocken geraten und selbst wenn die Schweiz ihre Ziele erreichen sollte, würde das am gesamten Bild nicht viel ändern.

Reto Knutti:

Das Argument der zu kleinen Schweiz greift zu kurz. Jeder einzelne ist zu klein, und schliesslich gibt es doch nur eine Lösung wenn alle gemeinsam etwas tun. Gerade Länder wie die Schweiz mit viel Knowhow, Technologie und Geld müssen vorausgehen und zeigen, dass eine Lösung möglich ist. Irgendwann wird man handeln müssen, und aus meiner Sicht sollten wir dies als Chance betrachten, uns frühzeitig gut zu positionieren.

news.ch:

Wie erfolgversprechend ist der Klimaschutz eigentlich angesichts einer ständig wachsenden Weltbevölkerung?

Reto Knutti:

Die steigende Bevölkerung vereinfacht das Problem sicher nicht. Man darf aber nicht vergessen, dass die höchsten Emissionen pro Kopf aus den Ländern kommen wo die Bevölkerung nicht wächst. Diese Ungleichheit ist ein Problem, das die Klimaverhandlungen so schwierig macht.

Zwei Grad unrealistisch, über 3 Grad Erwärmung wahrscheinlich

news.ch:

Wo stehen denn jetzt die Klimaverhandlungen nach Kopenhagen? Ist das von der Europäischen Union und der Schweiz angestrebte Ziel von maximal zwei Grad Erwärmung noch in Reichweite?

Reto Knutti:

Mit den Zahlen, die heute von den Ländern vorliegen, ist das Ziel von zwei Grad unrealistisch. Mit etwa 50% Wahrscheinlichkeit würden wir sogar bei über drei Grad landen. Die Klimaforschung kann das politische Ziel nicht bestimmen, aber sie kann aufzeigen, dass die vorgeschlagenen Strategien am angestrebten Ziel vorbeischiessen. Entweder müssen wir das Ziel überdenken, oder dann müssen den Worten Taten folgen.

news.ch:

Welche Anpassungen wären angesichts dieser trüben Aussichten für die Schweiz also wichtig? In welchen Bereichen werden wir in der Schweiz Änderungen machen müssen, um mit der Klimaerwärmung zurecht zu kommen?

Reto Knutti:

Der Hitzesommer 2003 hat gezeigt, dass zum Beispiel die Landwirtschaft nicht für ein solches Ereignis gerüstet war, und dass Kühlkapazitäten für Atomkraftwerke kaum mehr ausreichten. Weniger Schnee und Eis in den Alpen führen auch zu höheren Abflüssen im Frühling und weniger Wasser im Sommer. Der Tourismus in den Alpen wird sich neu ausrichten müssen. Die Auswirkungen sind also vielfältig.



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