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Rebound-Effekte: Sozio-psychologische Forschung ist nötig

Rebound-Effekte sind eine Realität. Dies spricht jedoch nicht gegen Energieeffizienz, sondern für mehr Forschung - um zu verhindern, dass Effizienzgewinne verloren gehen (Siehe Quellen-Links: «Rebound-Effekt: Ein Argument für oder gegen die Förderung von Energieeffizienz?» & «Gillingham et al. (2013)») .

Prof. Heinz Gutscher / Quelle: ETH-Zukunftsblog / Montag, 13. Mai 2013 / 15:10 h

Die Existenz verschiedener Formen von Rebound wurde empirisch längst nachgewiesen. Rebound bedeutet, dass Menschen durch Effizienzsteigerungen eine finanzielle oder psychische (moralische) Entlastung erfahren, die ihrerseits einen Mehrverbrauch an Energie (bzw. mehr Treibhausgasemissionen) verursacht. So geht ein Teil der theoretisch möglichen Effizienzgewinne wieder verloren.

Wie viel geht verloren?

Es gibt verschiedene Schätzungen dazu, wie hoch diese Verluste bei den theoretisch möglichen Effizienzgewinnen ausfallen. Für direkten und indirekten ökonomischen Rebound finden sich Angaben im Bereich von 5 bis 30 Prozent, mit gesamtwirtschaftlichen Effekten zusammen meist unter 60 Prozent1. Das bedeutet, dass die theoretisch möglichen Energie- bzw. Emissionseinsparungen insgesamt bei weitem nicht erreicht werden. Direkter Rebound zeigt sich in einer vermehrten Nachfrage nach der effizienzbedingt verbilligten Energiedienstleistung. Beim indirekten Rebound wird das eingesparte Geld anderweitig ausgegeben bzw. werden anderweitig Ressourcen beansprucht. Gesamtwirtschaftlicher Rebound besteht darin, dass in einem gesellschaftlichen Sektor eingesparte Mittel für Ausgaben in anderen Sektoren zur Verfügung stehen, was wiederum mit vermehrter Inanspruchnahme von Ressourcen verbunden ist. Für die preissignal-induzierten Effekte - was billiger wird, wird mehr nachgefragt - gibt es bereits recht viele Studien; seltener finden sich Untersuchungen zu den psychologischen Mechanismen2,3.

Die Unsicherheiten bezüglich der Grössenordnungen liegen zum einen darin, dass sich die Effekte gesunkener Preise und - im Sinne eines entlasteten Gewissens - gesunkener psychischer Kosten nicht immer klar trennen lassen. Ausserdem wird öfter übersehen, dass die Grössenordnungen auch von den konkreten Technologiefeldern abhängen dürften; Effizienzsteigerungen bei Heizung, Beleuchtung oder Mobilität wirken psychisch unterschiedlich entlastend.

Effektiv realisierter Effizienzgewinn =

Theoretischer Effizienzgewinn -

graue Energie der Effizienzmassnahme -
direkter Rebound Effekt infolge monetärer und moralischer Entlastung -
indirekter Rebound Effekt infolge monetärer und moralischer Entlastung -
gesamtwirtschaftlicher Rebound Effekt infolge gesunkener Preise -
Rebound Effekt infolge stellvertretender moralischer Entlastung


Nach «guten» Taten leisten wir uns weniger gute Taten

Menschen streben in ihrem Handeln nach einer moralischen Balance. Dabei zielen sie auf einen vertretbaren, für sich selbst akzeptablen (nicht perfekten) moralischen Standard. Wenn nun Handlungen oder Unterlassungen als moralisch problematisch angesehen werden ­- etwa aufgrund neuer Information - wird diese Balance gestört. Das motiviert Menschen zum Ausgleich durch «gute» Taten. Umgekehrt wird die psychische Entlastung infolge einer Investition in Energieeffizienz als eine «Lizenz» zu etwas lockererem Umgang mit Energie erlebt (moral licensing).



Heinz Gutscher ist Professor Emeritus für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, Präsident der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) sowie Vorsitzender von ProClim, dem Forum für Klima und globale Umweltveränderungen der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT). / Foto: Heinz Gutscher ETH-Zukunftsblog

Im Extremfall können dabei sogar mehr als die gesamten Effizienzgewinne wieder «ausgegeben» werden (back fire).

Neben solchen psychischen Entlastungs-Effekten aufgrund eigener Investitionen in Energieeffizienz gibt es auch stellvertretende psychische Entlastungs-Effekte. Diese beruhen auf Annahmen zur Nutzung effizienter Technologien durch andere Personen. So zeigt eine neue Studie, die einer meiner Doktoranden erarbeitet hat, dass der leider sehr weit verbreitete, naive Optimismus, Greentech allein werde alle Probleme lösen unter bestimmten Bedingungen davon entlastet, selbst aktiv zu werden3.

Fazit: Es braucht neben Technologieforschung auch integrierte sozio-psychologische Forschung zu Rebound-Effekten. Erforscht werden müssen die zugrundliegenden Prozesse. Zudem braucht es insbesondere auch Forschung zu möglichen Massnahmen, die neue, effizientere Technologien begleiten und einen allfälligen Rebound mindern.


1Gillingham et al. (2013). The rebound effect is overplayed. Nature, 493, pp. 475-476. (siehe weiterführenden Link)

2Girod and de Haan (2009). Mental rebound. Rebound Research Report Nr. 3. ETH Zurich, IED-NSSI, report EMDM1522, 34 pages. (siehe weiterführenden Link)

3Soland, M. (2013). "Relax... Greentech will solve the problem!". Socio-psychological models of environmental responsibility denial due to greentech optimism (Unveröffentlichte Dissertation). Universität Zürich. (m.soland@psychologie.uzh.ch)








Links zum Artikel:

Rebound-Effekt: Ein Argument für oder gegen die Förderung von Energieeffizienz? ETH-Klimablog, Markus Ohndorf vom 13.3.2013.

Gillingham et al. (2013) The rebound effect is overplayed. Nature, 493, pp. 475-476.

Girod and de Haan (2009) Mental rebound. Rebound Research Report Nr. 3. ETH Zurich, IED-NSSI, report EMDM1522, 34 pages.




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