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Wacker Thun erstmals Schweizer Meister

Im 52. Vereinsjahr gewann Wacker Thun erstmals die Schweizer Meisterschaft. Die Berner Oberländer gewannen in der Thuner Lachenhalle die «Finalissima» um die Handballmeisterschaft gegen Kadetten Schaffhausen haushoch 35:27 und sicherten sich so das Double.

tafi / Quelle: Si / Samstag, 25. Mai 2013 / 19:33 h

Am Ende bemühten die Thuner Superlative. Für Roman Caspar, den Spielmacher und Captain der wackeren Thuner, war der erste Titelgewinn "einfach sensationell". Und für den Trainer Martin Rubin, den ehemaligen Schweizer Handballgott, war es noch mehr als das: "Wenn sich vor der Saison einer getraut hätte, zu behaupten, wir würden das Double gewinnen, dann wäre der für verrückt erklärt worden", so Rubin. "Dieser Titelgewinn ist mehr als sensationell und auch mehr als ein Traum, der Wirklichkeit wurde. Es ist unfassbar, unvorstellbar, unglaublich." In diesem Playoff-Final besiegte der David (Wacker Thun) den Goliath (Kadetten Schaffhausen). Die Schaffhauser stellen ein Star-Ensemble mit Akteuren aus zehn Ländern. Zwölf Kadetten wurden schon für Nationalmannschaften aufgeboten. Schaffhausen verfügt über Routine aus mehr als 1000 Länderspielen. Die Thuner hingegen stellen ein Team aus einheimischen Akteuren. Der einzige Thuner mit etwelcher internationaler Erfahrung, der Grieche Georgios Chalkidis (200 Länderspiele), kam nur in den letzten beiden Finalspielen zu minimen Teileinsätzen.

Die Berner Oberländer führten im fünften Playoff-Final die Weltauswahl vom Rheinfall vor. 19 Minuten lang und bis zum 10:10 vermochten die Kadetten die Partie ausgeglichen zu gestalten; kurz hatten sie sogar mit zwei Toren Vorsprung geführt (6:4). Dann aber zogen die Thuner innerhalb von neun Minuten auf 19:12 davon. Nicht einmal Weltklasseteams vermochten in den letzten Jahren die Kadetten derart vorzuführen. Wie war das möglich? Roman Caspar: "Wir hatten in den vorangegangenen zwei Spielen viel Selbstvertrauen getankt. Wir wussten, dass wir mit einer guten Deckung und viel Tempo dem Gegner Probleme bereiten können. Nach 20 Minuten konnten wir das dann endlich umsetzen. Und die Kadetten sind dann eingebrochen."

Eine Wende stand in der Folge nie mehr zur Diskussion. Bis zur 41. Minute bauten die Thuner den Vorsprung sogar auf elf Tore (28:17) aus. Und die Kadetten, die von 2005 bis 2012 sechsmal den Titel geholt haben, kamen nach dem Thuner Offensiv-Furioso unmittelbar vor der Halbzeitpause nie mehr näher als bis auf sechs Tore an das Heimteam heran.

Die grossen Figuren auf Thuner Seite waren Torhüter Marc Winkler (12 Paraden) und Goalgetter Lukas von Deschwanden (8 Tore). Winkler startete als Nummer 2 hinter Nationalspieler Andreas Merz in die Finalserie. Nach den zwei Niederlagen zum Auftakt stieg der 25-Jährige zur neuen Nummer 1 auf und ermöglichte mit drei starken Leistungen die Wende in der Serie. Erst zum zweiten Mal kippte in der Schweizer Handball-Playoff-Geschichte eine Serie nach einem 0:2-Rückstand noch. Schon vor acht Jahren gelang Wacker Thun eine derartige Wende (in den Viertelfinals gegen St. Otmar St.



Wacker Thun ist erstmals SChweizer Meister im Handball. (Archivbild) / Foto: EQ Images

Gallen). Im fünften Spiel ragte ausserdem im linken Rückraum Lukas "Uri" von Deschwanden aus dem beeindruckenden Thuner Ensemble heraus. Der Meisterschafts-Topskorer (199 Tore) kam in den ersten vier Partien der Serie bloss zu zwölf Toren und auf eine Wurfquote unter 50 Prozent. Am Donnerstag in Spiel 4 versuchte er nicht einmal mehr einen Abschluss. Auch in die "Finalissima" startete von Deschwanden mit zwei Fehlwürfen und zwei weiteren Ballverlusten schwach. Plötzlich vermochte ihn aber nichts und niemand mehr zu stoppen. Acht Tore aus neun Schüssen liess er sich gutschreiben.

Wacker Thun sicherte sich insgesamt aber dank tollen Teamleistungen die Meisterschaft. Martin Rubin formte in seiner sechsten Saison als Trainer eine Equipe, in der im wahrsten Sinn des Wortes "einer für alle und alle für einen" kämpfen. Einige Leute müssen nun womöglich über die Bücher. Mit einem kleinen Budget von anderthalb Millionen Franken und fast lauter Berner Oberländer Akteuren dominierte Wacker Thun die Meisterschaft. Mit diesem Budget befinden sich die Thuner in der NLA in der hinteren Hälfte. Ausserdem verfügen vier NLA-Teams (Kadetten Schaffhausen, Pfadi Winterthur, BSV Bern, Kriens) über mehr Nationalspieler als Wacker. Dass nicht mehr Thuner Spieler in der Vergangenheit berücksichtigt worden sind, empfinden die Oberländer als lächerlich.

International kann sich Wacker Thun nun selber weiter beweisen. Vor acht Jahren gewannen die Thuner schon einmal den Challenge Cup, womit Wacker die einzige Schweizer Mannschaft ist, die bislang einen Handball-Europacup gewann. Die Thuner werden nächste Saison die Champions League bestreiten, in der sie (dank der früheren Erfolge der Kadetten) für die Gruppenphase gesetzt sind. Die Lachenhalle, die am Samstag mit 2000 Zuschauern überfüllt gewesen ist, genügt den europäischen Ansprüchen zwar nicht; Wacker wird aber eine Alternativ-Heimstätte finden. Zur Diskussion steht nicht primär die Berner Wankdorfhalle, sondern eher die Handballarenen in Sursee und Olten, "in der wir letzte Saison jeweils die Cupfinals gewannen, was mit positiven und guten Gefühlen verbunden ist", so Geschäftsführer Fred Bächer. Auch wird Wacker versuchen, für nächste Saison das Budget leicht zu erhöhen. Die Mannschaft bleibt unverändert beisammen, ausserdem stösst mit Stefan Huwyler aus Endingen ein Nationalspieler zum Team.

Und Schaffhausen? Vor der Finalserie bezeichneten einige Kadetten das Szenario mit Wacker als Meister als "Katastrophe für die Kadetten Schaffhausen und den Schweizer Handballsport". Giorgio Behr, der Präsident und Mäzen der Kadetten, relativierte diese Aussagen aber. Die Kadetten werden sich im EHF-Cup hohe Ziele setzen. Und sie werden sich aufmachen, nach einer frustrierenden Saison, in der sie alle Ziele verpassten und drei Trainer verbrauchten, ihre Dynastie im Schweizer Handball fortzusetzen. Das Fiasko im entscheidenden Playoff-Finalspiel widerspiegelte die misslungene Saison der Kadetten gut. "Es war tatsächlich ein Abbild unserer Saison", resümierte Goalie Remo Quadrelli, der seine Karriere ohne einen weiteren Titelgewinn beendet. "Wir begannen gut, verloren dann aber komplett den Faden. Den Playoff-Final nach einer 2:0-Führung noch zu verlieren, ist megabitter." Im Vergleich zu den Vorjahren vermochten die Kadetten den Abgang von David Graubner (zu Grosswallstadt) nicht zu kompensieren. Ausserdem fehlte in den entscheidenden Momenten der Saison der verletzte Goalie Arunas Vaskevicius (verletzte sich im Februar) an allen Ecken und Enden.


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