von Patrik Etschmayer / Freitag, 15. Oktober 2004
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Das Schweizer Wort des Jahres könnte 2004 durchaus "Raser" heissen. Selten wurde so viel über ein spezifisches Fehlverhalten diskutiert. Und nun hat eine Umfrage das ergeben, was wir sowieso schon fast alle wissen: Wir alle rasen. Oder zumindest 81 Prozent auf den Autobahnen und 74% ausserorts.
Da stellt sich nun die Frage: Warum verstossen vier Fünftel der Verkehrsteilnehmer wissentlich gegen eine Vorschrift und empfinden nicht einmal, das sie ein Unrecht dabei begehen?
Vermutlich deshalb, weil das Unrechtsempfinden erst dann einsetzt, wenn man wirklich etwas macht, das einem unverantwortlich oder mindestens gefährlich scheint.
Wer allerdings in einem modernen PW bei schönem Wetter, guter Sicht und niedrigem Verkehrsaufkommen mit 150 auf einer übersichtlichen Autobahn fährt, sieht kaum ein, welches Verbrechen er hier begehen soll.
Dank ABS und innen belüfteter Scheibenbremsen wird er oder sie keine grossen Probleme haben, das Auto - wenn nötig - wieder rechtzeitig abzubremsen.
Trotzdem sieht der Strafenkatalog, für diesen Verkehrsteilnehmer eine Strafe vor, während jemand, der bei Nässe und schlechter Sicht mit 125 unterwegs ist, und so eine viel grössere Gefährdung der anderen Verkehrsteilnehmer darstellt, ohne Busse davon kommt; so lange es nicht kracht.
Als in den siebziger Jahren noch 130 und 100 auf Autobahnen und Landstrasse galten, waren Bremswege von über 50 Metern aus 100 km/h Geschwindigkeit noch Norm, Starrachsen und Blattfedern sorgten für ein abenteuerliches Fahrverhalten, Reifenplatzer waren keine Seltenheit und dass sich ein VW-Käfer durchaus mal aufs Dach legen konnte, wenn man heftig auswich (heute Elch-Test genannt), war eine Binsenweisheit.
In dem Mass, in dem die Autos sicherer wurden, wurden die Geschwindigkeits-Limiten hinunter gesetzt. Erst mit dem Argument des Umweltschutzes, danach mit dem der Verkehrssicherheit.
Doch Geschwindigkeitsbegrenzungen werden nur dann eingehalten, wenn man als Fahrer den Sinn darin erkennt. Auf den Autobahnen scheint diese Sinnhaftigkeit verloren gegangen zu sein.
Die heutige Technik würde es erlauben, Geschwindigkeitsbegrenzungen spezifisch der Verkehrssituation anzupassen und den Verkehr, wenn es Sicht, Wetter oder Verkehrsaufkommen erfordern, einzubremsen. Andererseits könnte auf Autobahnen die Geschwindigkeit auch auf über 120 freigegeben werden, wenn es die Situation erlaubt.
Die Folge wäre vermutlich, dass weniger Leute die Beschränkungen missachten würden – speziell in Situationen, wo sie sinnvoll und notwendig sind.
Auf vielen gut ausgebauten Strecken werden die Beschränkungen nämlich als pure Schikane empfunden: Wenn zum Beispiel auf der einzigen Appenzeller Autostrasse das Limit 80 gilt, obwohl die Strasse ursprünglich – vor 30 Jahren – für Tempo 120 konzipiert war, leuchtet das kaum einem ein. Wenn hingegen bei starkem Regen und Schnee 80 gelten würde, kämen kaum Klagen daher.
So werden die "Raser", die mit 100 Fahren, abgestraft, während immer mehr Automobilisten, da mit 80 kaum ein Zeitgewinn mehr resultiert, die kürzere Strecke durch die Dörfer benützen. Dadurch werden Anwohner belastet, Fussgänger und Radfahrer gefährdet.
Es gibt noch viele solche Beispiele in der Schweiz wo Raser-Hysterie und starre, ideologisch motivierte Geschwindigkeitslimiten der Verkehrssicherheit mehr schaden als nutzen. Die Automobiltechnik ist im 21. Jahrhundert angekommen. Jetzt liegt es an der Verkehrspolitik, uns, dieses Volk von Rasern, zu entkriminalisieren und sich auch den Möglichkeiten anzupassen.