von Patrik Etschmayer / Montag, 24. Oktober 2005
Mit unserer Gesellschaft geht es bergab. Darüber sind sich die Meinungsmacher schon seit Jahrhunderten einig. Ebenso darüber, dass es noch nie so schlimm war, wie heute. Rechts-konservative Politiker – wie der neue polnische Präsident Lech Kaczynski – sehen in einer liberalen, areligiösen Weltsicht die Quelle des Bösen. Das glauben auch jene konservativen Meinungsführer in den USA, die soeben damit beschäftigt sind, sich auf Strafprozesse gegen sich vorzubereiten oder die an lausigen Umfrageergebnissen leiden.
Auch Papst Benedikt XVI betont immer wieder, wie wichtig Religiosität und Werte für die Gesellschaft seien.
Diese Ansichten werden so häufig und selbstverständlich vertreten, dass sogar liberal denkende Menschen nicht widersprechen, wenn Kriminalität und gesellschaftliche Probleme darauf zurückgeführt werden, dass das Volk nicht mehr an Gott glaube und ihn fürchte. Denn, wie schon Dostojewski meinte: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“
Diese Ansicht wurde zum Allgemeingut – akzeptiert und kaum angezweifelt. Papst Johannes Paul II konnte, ohne Proteste zu gewärtigen, behaupten, dass dort, wo die Verhütungspolitik der Kirche missachtet würde, auch besonders viele Abtreibungen stattfänden und eine Kultur des Todes herrsche.
Starker Tobak. Wenn diese Behauptungen stimmen würden, müsste in religiös stark durchtränkten Ländern wie den USA oder Portugal soziale Probleme minimal, Abtreibungen fast unbekannt, Teenagerschwangerschaften die grosse Ausnahme und Gewalt fast inexistent sein. Nichtreligiöse Länder hingegen – wie Japan, Schweden und Dänemark - Eiterbeulen der Gewalt, in denen das Leben wegen all der Probleme die Hölle sein müsste.
Im 'Journal of Religion and Society', einem Online-Magazin, das sich mit Themen der Religion und Gesellschaft befasst, wurde vor kurzem genau eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht. Der Autor der Studie hat allgemein akzeptierte Zahlen aus UN-Statistiken, gross angelegten Umfragen und aus Kriminal-Statistiken zusammen getragen.
Sollte nun jemand erwartet haben, dass sich eine Bestätigung dafür finden lässt, dass Religiosität zu einer gesunden Gesellschaft führt, wird mindestens enttäuscht sein, womöglich sogar schockiert. Bei manchen Werten lässt sich kein Zusammenhang finden (z.B. bei Selbstmorden unter Jugendlichen und der Lebenserwartung). Bei anderen Werten hingegen schwingen die religiösen Gesellschaften eindeutig aus – auf die negative Seite. Seien es nun Morde, Teenagerschwangerschaften und -abtreibungen oder Säuglingssterblichkeit – die religiösesten Länder schneiden hier am schlechtesten ab, wobei das religiöseste all dieser Länder, die USA, eindeutig am lausigsten da steht.
Es wäre ein Fehler, aus diesen Zahlen konkrete Folgerungen zu ziehen und den Glauben für die hohe Rate an Syphilis unter Teenagern in der USA zu verantwortlich zu machen. Aber es ist ziemlich eindeutig, dass Religiosität eine Gesellschaft nicht von ihren Übeln heilen kann.
Eine säkuläre Gesellschaft erlaubt es, Probleme dogmatisch anzugehen. Wer Kinder über die Sexualität aufklärt, verhindert Krankheiten, ungewollte Schwangerschaften und Tod durch Abtreibungen. Wer moderne gesellschaftliche Werte akzeptiert, wird keine Morde nach dem Motto, 'Auge um Auge' begehen. Wer sich auf Grund seines Glaubens nicht über Andersgläubige stellt, wird keine Gewalttaten und Kriege gegen solche Menschen propagieren.
Wir haben in unseren Demokratien die Freiheit zu glauben, und auch die Freiheit, nicht zu glauben. Diese Freiheit hat uns mehr Sicherheit und grösseren Frieden gebracht als je zuvor. Die wahren Werte stehen in unseren Verfassungen und nirgends sonst. Alles andere ist verhängnisvolle Nostalgie.