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Kolumne


Schafft die Diplomaten ab!

von Regula Stämpfli / Mittwoch, 8. Februar 2006

. Es brennen nun also dänische, norwegische und österreichische Botschaften in all den Ländern, in welchen Muslime, die sich in ihrer Religion verletzt fühlen, irgendwelche Objekte ihrer Wut auf den Westen suchen und auch finden. Dass die Botschaften abgefackelt werden ist völlig irrsinnig. Doch nicht nur, weil der religiöse Hass und die europäische Appeasementpolitik mittlerweile schon pathologische Züge annehmen, sondern weil es ganz offensichtlich keine Rolle spielt, ob die Botschaften in diesen Ländern abgebrannt oder noch intakt sind.

Denken wir einmal weiter.

Hätten nämlich die Botschafter in diesen Ländern wirklich was getaugt, dann wäre es wohl zum unseligen Karrikaturenkrieg in dieser Form gar nicht gekommen. Denn dann hätten die Botschafter eindringlich, in scharfen Worten und mit besorgten E-Mails an ihre jeweiligen Regierungen über die aufgeladene Stimmung in den arabischen Ländern aufgeklärt. Sie hätten, wie dies übrigens jeder Nahostkorrespondent und jede Berichterstatterin aus den arabischen Ländern schon längst tut, darauf hinweisen können, dass jede auch nur kleine Provokation des Westen in der muslimischen Welt einen Feuerbrand entfachen kann.

Sie hätten mit ihrem Aussenminister darüber reden können, wie vergiftet die politische Unkultur in den arabischen Ländern ist, wie grassierend der Antisemitismus, der sich ganz locker mit einem Antiamerikanismus und schliesslich mit einem Antieuropäismus verbindet. Sie hätten darüber schreiben können, dass die hohe Arbeitslosigkeit gerade auch unter all den arabischen jungen Männern zwischen 15 und 30 Jahren meist über 70 Prozent beträgt.

Sie hätten darüber reden können, dass gesellschaftspolitische Explosionen auch in der Geschichte schon immer mit einem Überschuss an jungen Männern in Autokratien stattfinden. Sie hätten vielleicht, statt Tapas mit den netten Freunden aus Frankreich und Spanien zu essen, sogar einige Kontakte zu den radikalen Imanen und Hasspredigern aufbauen können. Denn gerade solche Kontakte sind mittlerweile in Krisensituationen überlebenswichtig.

Sie hätten ganz viel tun können. Und nicht nur die dänischen, norwegischen und österreichischen Diplomaten, sondern auch die französischen, deutschen, englischen, holländischen und schweizerischen beispielsweise. Wären diese Berichte auf dem Tisch gelegen, dann hätte sich sicher auch ein kluger Beamter gefunden, der es schafft, eine Analyse der fehlenden Zivilgesellschaft in den arabischen Ländern mit derjenigen der mangelnden Integration arabischer und muslimischer Migranten zuhause zu verbinden.

Dann hätten vielleicht die Beamten auch mit den ihnen nahestehenden Journalisten reden können. Und, und, und. Kurz, die hochbezahlten Staatsbeamten hätten genau das getan, wofür sie teure Steuergelder kassieren: Nämlich die eigene Regierung und das eigene Land für wichtige politische Entscheide vorzubereiten.

Hätte, würde und sollte. Das passiert alles nicht. Stattdessen werden in allen europäischen Ländern jedes Jahr pickelgesichtige Universitätsgeneralisten, vorzugsweise männlich und aus sog. gutem Hause, für teures Geld zu diplomatischen Stagaires ausgebildet. Meistens alles Leute, die über viel formelle Qualifikation, dafür wenig inhaltliche Qualitäten verfügen. Doch meist fehlen der analytische, der historische und vor allem der politische Sachverstand. Und dies während eines ganzen Diplomatenlebens.

Diplomaten gehören ins 19. Jahrhundert. Und dort sollten sie auch bleiben! Das EDA braucht gescheite Menschen mit klugen Sachverstand, hohem politischen Spürsinn, brillianten Recherchierqualitäten und schnellem Denken. Menschen, die von Bern aus die politische Welt kennen, antizipieren und verstehen. Menschen, die aus einem Auslandaufenthalt nicht nur die besten dortigen Weinsorten und coolen Stripteasebars, sondern ein echtes Verständnis für unterschiedliche Kulturen nach Hause bringen und das Wissen auch teilen. Was alle europäischen Länder inklusive Schweiz sicher nicht brauchen, sind Champagnerträger auf Lebenszeit. Solche gibt es genug und solche warten gerade in Bern zu Dutzenden auf neue Botschafterposten.

Vielleicht war es genau dieser Gedanke und nicht die fehlende Frauengleichstellung im EDA, die Micheline Calmy-Rey dazu bewogen, endlich nur acht statt 14 neue Schönredner auf Lebenszeit für die Schweizer Regierung einzustellen! Doch die Chefin hat nicht mit dem Widerstand der „Krokodile“ gerechnet. Doch statt auf mehr Frauen im EDA zu pochen, würde sie besser endlich den Laden aus dem 19. Jahrhundert ausmisten. Denn dann erledigt sich die Gleichstellung von selber. Denn hohe Analysequalität kam schon immer zu gleichen Teilen in Männern und Frauen vor. Was man von diplomatischer Aalglätte nicht unbedingt behaupten kann.




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