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Kolumne


Wahnsinn mit System

von Patrik Etschmayer / Freitag, 21. Juli 2006

. In dem Moment, als die Hisbollah zwei israelische Soldaten entführt hatte, wurden zwei lange gemachte Ankündigungen erfüllt. Jene von Hisbollah-Führer Nasrallah, der 2004 nach einem Tausch von Leichen israelischer Soldaten gegen lebende Hisbollah-Kämpfer gesagt hatte, dass sie in Zukunft nicht mehr nur tote Soldaten schnappen würden. Und jene des damaligen Premiers Ariel Sharon, der meinte, dass auf zukünftige Entführungen mit unbekannten Mitteln reagiert würde.

Beides ist nun eingetroffen. Aber es ist noch mehr passiert. Was mit einer Geiselsuchaktion begann, wurde nach dem Einschlag von Hisbollah-Raketen in Haifa zu einem Verteidigungskrieg Israels gegen die im Libanon sitzende Hisbollah. Ein Ereignis, dass die Aufmerksam der ganzen Welt auf sich zieht. Sehr zur Freude des Hampelmanns Nasrallah, der es scheinbar liebt, wenn Israel sein Land bombardiert, wo er doch nur zwei Soldaten freilassen müsste. Und natürlich noch viel mehr zur Freude des Strippenziehers Iran, der die Hisbollah seit Jahren mit Geld (angeblich 600 Millionen US Dollar pro Jahr) und Waffen unterstützt.

Die Hisbollah fungiert ja nicht nur als «Armee Gottes» im militärischen Sinn, sondern auch als wohltätige Organisation, wobei dies reines Kalkül ist. Das iranische Ölgeld wird dazu benutzt, das Volk zu kaufen und gleichzeitig die Entwicklung einer freien Gesellschaft und einer funktionierenden Wirtschaft zu verhindern. So steht die Hisbollah begreiflicherweise bei den armen und grossteils arbeitslosen Menschen im Südlibanon als grosser Wohltäter da und hat so keine Probleme, Kämpfer zu rekrutieren, die auch entsprechend gut bezahlt werden.

Im Kampf gegen das organisierte Verbrechen heisst es lakonisch: «Follow the money», wenn es darum geht, die Ursachen und Zusammenhänge bestmöglich zu begreifen. Wendet man diese Regel auf die Hisbollah an, kommt man, wie schon oben beschrieben, zum Iran. Aber dort hört die Sache ja noch nicht auf. Noch lange nicht. Denn es gibt nur einen Grund, warum von dort so viel Geld kommt. Die Ölexporte, speziell in den asiatischen Raum, füllen die Kassen der Mullahs schon seit Jahren üppig und jeder Ölpreisanstieg steigert auch die Einnahmen des «Gottesstaates» am Golf.

Diese Tatsache ist offensichtlich, wird aber noch viel interessanter, wenn man bedenkt, dass diese letzte Krise im Nahen Osten – und damit auch ein Sprung des Ölpreises nach oben – sehr wahrscheinlich auf Betreiben des Irans ausgelöst wurde.

Der Iran profitiert nun gleich in mehrfacher Weise von diesem Krieg. Zum einen ideologisch-religiös: Der Kampf gegen das «böse» Israel ist eines der grossen Kernthemen, ja fast ein raison d'être des Iran. Zudem ist in der iranischen Verfassung der endzeit-messianische Glaube an den Mahdi, den «verborgenen Imam» verankert, der vor dem Weltende wieder erscheinen und das Böse vernichten solle; Ahmadinedschad, der Präsident des Iran, glaubt fest an diesen Mythos und hofft vielleicht, mit einer hausgemachten Apokalypse diese Prophezeihung etwas schneller Wirklichkeit werden zu lassen.

Dann politisch: Seit im Libanon die Bomben fallen, hat sich der Fokus der Aufmerksamkeit der Welt dorthin gerichtet. Vom iranischen Atomprogramm hört man praktisch nichts mehr. Sicher, die zuständigen Stellen sind immer noch an der Sache dran, aber die Weltöffentlichkeit zählt – und die schaut nach Beirut.

Schliesslich profitiert der Iran finanziell. Bei den 2,5 Millionen Barrel Öl, welche der Iran täglich exportiert, bedeutete der Sprung von mehr als 5 Dollar pro Barrel, den der Preis nach dem Beginn der Krise nach oben machte, Mehreinnahmen von über 13 Millionen Dollar pro Tag. Bleibt der Preis für 7 Wochen so hoch, hat sich die Hisbollah bereits wieder für ein Jahr seine Finanzierung mehr als verdient.

Das Leiden im Libanon lässt sowohl den Iran als auch die Hisbollah-Führung kalt. Es gehört zu ihrem Plan und Ziel. Dass die Krise sich zudem quasi selbst finanziert, macht alles nur noch schlimmer. Man kann es drehen und wenden wie man will: Das Öl und die globale Abhängigkeit davon verursachen, finanzieren und vergrössern Unfrieden, Krisen, Leid und Unterdrückung. Der Wahnsinn hat System... angetrieben von jedem Barrel, das auf den Weltmarkt fliesst.




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