Von Regula Stämpfli / Donnerstag, 7. September 2006
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Wer am 6. September die Sondersendung im österreichischen Fernsehen geschaut hat, der sah eine junge, intelligente, starke Frau. Nur der Kontext irritierte. Dies soll dieses Mädchen sein, das vor acht Jahren brutal entführt und im Keller eingesperrt wurde? Die spontane und menschliche Reaktion ist: Hut ab, Mädel! Du bist ein toller Mensch, Du wirst es schaffen, es ist schön, dass es Dich noch gibt! Dass manchmal wirklich der Sinn des Lebens einfach das Leben ist. Und dass sich das Überleben lohnt.
Soweit so gut. Doch jetzt kommen die – meist männlichen – Psychiater zu Wort. Und statt dass sie, was normale Menschen eigentlich tun, die junge Frau Kampusch stützen, begleiten und die Hoffnung aufrechterhalten, beginnen sie, die Frau kleinzureden. Sie zerreden die innere Stärke Kampusch als typisches Stockholm-Syndrom. Sie plappern von emotionalen Schäden, die nicht sichtbar sind. Die auch kaum zu heilen wären. Sie betonen die Schrecklichkeit der Ereignisse. Sie führen aus, dass die Zusammenarbeit von Frau Kampusch mit ihrem Folterer eine Überlebensstrategie war. Und sie wiederholen immer und immer wieder: „Ach, erst die Zeit wird zeigen, ob sie klarkommt. Wahrscheinlich nicht.“ Typische Männer-Psychiater-Zuweisungen! Seit Freud gibt es offenbar nichts Bedrohlicheres als starke Frauen.
Frauen, die Unmögliches überleben und dennoch Menschen bleiben. Frauen, die sich dem Soziologenzwang der gesellschaftlichen Unterdrückung entziehen. Frauen, die sich nicht regelkonform verhalten. Frauen, die selbst nach acht Jahren unsäglichem Leiden, sich selbst treu bleiben. Und eine Integrität bewahren, die wohl all den bisherigen kommentierenden Psychiatern so fremd ist wie das Gefühl, dass Menschen mehr als nur ein Produkt ihrer Umgebung sind.
Eigentlich sollten die Psychiater alle ihre frauen- und menschenverachtenden Kommentare für sich behalten. Es sollten besser Menschen zu Wort kommen, die zwar auch Furchtbares erlebt haben, die sich aber gerade nicht zu Opfern runterreden, runtermachen und ent-mächtigen lassen. Was soll dieses ständige „Ach, wie furchtbar!“ statt „Wunderbar, dass Du noch lebst! Wunderbar übrigens, wie stark Du noch lebst!“ Aber nein. Es ist fast, als wälzen sich die Kommentierenden in dem sadistischen Vergnügen die Schrecken des Kellers auszumalen und zu verlängern. Statt das Wunder des Lebens Kampbusch zu feiern!
Und, wenn Natascha Kampusch dann wirklich trauern und sich zerfleischen will, ihr selbst den Zeitpunkt zu überlassen. Und ihn nicht schon herbeizureden. Darüber müsste mal diskutiert werden! Denn ganz offensichtlich sind all die, die jetzt Natascha Kampusch ihre Stärke, auch emotionelle Verankerung in sich selbst abreden, nichts anderes als feige Schwächlinge, die nie wissen werden, was innerer Mut alles bewältigen kann!
Kampusch braucht nach acht Jahren endlich die Anerkennung dessen was sie ist. Die Anerkennung, dass sie ein autonomer Mensch mit eigenem Willen, eigenen Wünschen und einem selbstbestimmten Leben ist. Mal sehen, ob ihr diese Freiheit durch die psychologisierenden Kaputtmach-Kommentare auch gewährt wird.
Regula Stämpfli ist Politologin, Dozentin und Buchautorin. www.regulastaempfli.ch