von Patrik Etschmayer / Freitag, 4. Mai 2007
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Nein, der Autor ist kein Handy-Fetischist. Er hat seine Mobil-Rübe nicht weil er ein Handy-Fanatiker ist, sondern weil er es mitunter einfach geschäftlich und weniger auch privat benötigt. Die Einstellung dazu ist recht pragmatisch. Ein Werkzeug zur Kommunikation, wobei es ein Privileg ist, es NICHT dabei zu haben und schwer erreichbar zu sein.
Das erste Mal mit dem Handy-Masten-Gesundheits-Schadenswahn wurde er von einem Bekannten konfrontiert. Es war dies schon vor einigen Jahren und es war erstaunlich, was diese Handystrahlen da so alles anrichten sollten. Nervöse Störungen, Krebs, Antriebslosigkeit, Kopfschmerzen. All diese Symptome wurden einem aufgetischt, während der sich von Antennen bedroht fühlende Zigarette um Zigarette rauchte und etwa vier Bier dabei wegkippte.
Hinweise darauf, dass seine Probleme allenfalls auf seinen ungesunden Lebensstil zurück zu führen seien, wurden weggewischt. Nein, keine Bewegungsarmut, kein Schlafmangel, kein Tabak und Alkohol, keine Beziehungsprobleme und kein Familienzwist waren daran schuld.
Nein, das Böse war geortet: rechteckig, grau, an einem Mast angebracht. Zweifel daran gibt es keine und wer sie vorbringt, ist dumm, blind, korrupt oder alles zusammen. Eine ganze Gegenkultur wurde gebildet. Durchgeknallte Pseudosachbücher wie 'Tatwaffe Handy' erlangten Kultstatus, obwohl der Inhalt jegliche Stringenz, Logik und vor allem Wahrheitsgehalt vermissen lässt.
Der Wahn geht so weit, dass behauptet wird, Handysender könnten benutzt werden, um die Bevölkerung, die sich gegen die Regierung erhebt, zu betäuben und träge zu machen... wenn dem so wäre, wäre Bagdad sicher schon längst befriedet. Doch Verschwörungstheorien sind tatsachenresistent. Wer den Teufel gefunden hat, lässt ihn so schnell nicht mehr entwischen.
Es war daher auch logisch, dass das Bienensterben auch auf Handys zurück zu führen sei. Als vor einigen Wochen diese Behauptung in den Medien auftauchte, wurde in esoterischen Kreisen sofort wieder mit einer Intensität debattiert, die den Kopf kreisen und sogar ernsthafte Journalisten aufhorchen liess. Erst im Nachhinein wurde erwähnt, dass die zitierte Studie sich auf DECT-Telefone berief, die Effekte zwar messbar, aber minimal gewesen waren und die dabei verwendeten Feldstärken bei weitem über jenen lagen, die in der wirklichen Welt – ausserhalb des Labors vorkämen. Sogar die Forscher fühlten sich von den hysterischen Reaktionen gekidnappt.
Das genau gleiche passierte zuvor schon mit einer Studie, die explizit einen Zusammenhang zwischen Krebs und Handys verneint hatte, aber ohne jede Skrupel um 180° gewendet wurde und zu hysterischen 'Handys verursachen Krebs'-Schlagzeilen führte. Die Wahrheit blieb mal wieder auf der Strecke, aber die Schlagzeilen stimmten. Und die Eso-Weltuntergangs-Fraktion triumphierte mal wieder.
Die Frage ist einfach: Warum dieser Wahn, warum diese Verteufelung einer Technik, warum die Schuldzuweisung jeder Befindlichkeit auf die bösen Handystrahlen? Schon das Wort 'Verteufelung' gibt die Antwort auf diese Frage: In einer rationellen Welt braucht es einen rationellen Teufel. Wenn früher Dämonen, Geister und der 'Böse Blick' für Krankheiten und Probleme sorgten, so ist es heute der Handymast. Die Wahrheit interessiert die Mobil-Exorzisten dabei so wenig wie ein Teufelsaustreiber der Kirche: Der Bösewicht ist bekannt und die ahnungslosen Sünder (sprich Mobiltelefonierer) müssen nun bekehrt werden, die von der eigenen Wahnvorstellung diktierte Wahrheit muss zur allgemeingültigen werden. Und wie von allen fanatischen Religionsgemeinschaften wird auch hier kein Widerspruch akzeptiert.
Gerade im Angesicht dieses Wahns – und vieler anderer Wahnvorstellungen, die einem immer wieder als ultimative Wahrheit präsentiert werden – ist es wichtig, dass auch die Medien lernen, wissenschaftlich, skeptisch und objektiv zu denken. Denn die Gefahr ist ja nicht nur, dass ein an sich unschuldiger Sündenbock bekämpft wird, sondern dass, ob dieser Hysterie die wahren Ursachen von Problemen nicht erkannt werden, während man den Falschen im selbstgerechten Irrsinn nachjagt.