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Kolumne


Aus der Luft in die Lungen

von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 13. September 2007

. Als vor 6 Jahren das Herz von Manhattan von einer Säule schwarzen Rauches überschattet wurde, bestand bei fast keinem, der die Bilder sah, ein Zweifel daran, dass dies wohl das Verbrechen des Jahrhunderts gewesen war. Die offizielle Opferzahl beträgt beinahe 3000. Doch noch viel mehr Leute werden ihr Leben verlieren oder sind bereits an den Spätfolgen gestorben.

Zum einen jene, die nur knapp der Katastrophe entgangen sind und von der Staubwolke, die sich beim Kollaps der Türme über ganz Manhattan ausbreitete, eingehüllt wurden. Eine Augenzeugin berichte vom vor Glassplittern glitzernden Himmel bevor alles mit einer Art grauen Schnees bedeckt wurde. Seit 2003 leidet die Frau, die - mit einem improvisierten Atemschutz ausgestattet - nordwärts flüchtete, an schweren Atemwegsbeschwerden, die sie mit vielen Rettungsmannschaften und Menschen, die in der Nähe arbeiteten, teilt. Bei vielen mehr werden diese erst noch ausbrechen.

Diese Leute wurden, ebenso wie die in den Türmen Gefangenen, Opfer der Terroristen und sind auch als solche anerkannt. Doch hier beginnt der erste Teil des Skandals. Wer nämlich auf der falschen Seite eines willkürlich definierten Gebietes war, gehört nicht zu den Opfern, da dort die Luft sauber und nicht gefährlich gewesen sei. Dies zumindest nach den offiziellen Angaben.

Was den damaligen Bürgermeister Rudy Giuliani und die Chefin der Umweltbehörde EPA Christie Todd Whitman damals dazu gebracht hat, schon Tage nach dem Einsturz der Türme die Gegend für sicher zu erklären, lässt sich nicht genau sagen. Es war bestimmt nicht die Wahrheit und es waren nicht die Vorschriften. Denn schon von Anfang an war bekannt, dass das 1973 fertig gestellte World Trade Center jede Menge tödlichen, langsam wirkenden Asbests enthielt. Schätzungen über die Menge belaufen sich auf 400 bis 1000 Tonnen.

Diese Asbestmenge reicht aus, um Millionen von Menschen – teilweise Jahrzehnte nach der Kontamination – krank zu machen und zu töten. Trotzdem wurden keine weiträumigen Tests gemacht, um die Gefahr zu definieren. Ganz im Gegenteil: Giuliani behauptete 2 Tage später, dass die Luft, soweit man dies sagen könne, sicher sei, was chemische und biologischen Gifte betreffe. Und Whitman doppelte nach einer Woche nach, dass die Luft sicher zu atmen und das Wasser sicher zu trinken sei.

Das Resultat waren Leute, die schon nach einer Woche wieder in Büros arbeiten gingen, in denen sich ständig wieder Staub sammelte, fein und tödlich. Genau so wie in Wohnungen bis nach Brooklyn hinüber. Ein Student, der damals dort lebte, beschrieb, wie die Klimaanlage Staub in die Wohnung geblasen habe. Da es aber hiess, dass keine Gefahr herrsche, habe er der Sache auch keine weitere Beachtung geschenkt, bis der Husten und die Atemprobleme begannen...

Und es war nicht nur das Asbest... der rauchende Trümmerhaufen war sozusagen eine chemische Bombe, aus der ultrafeine Blei- und Quecksilberpartikel in riesigen Mengen ausdampften und von den Menschen in der Umgebung eingeatmet wurden. Trotzdem bestreiten die damals Verantwortlichen immer noch die unterdessen immer konkreteren Beweise.

Aber das wundert einen auch nicht, kamen doch die Anweisungen, kritische und auf Gefahren aufmerksam machende Statements durch solche zu ersetzen, die ein Gefühl der Sicherheit verbreiteten, aus dem «White House Concil on Environmental Quality», also direkt aus obersten Regierungsstellen. Das Opfern der eigenen Bürger um die Situation besser aussehen zu lassen, hatte also System und wiederholte sich sogar. Als es beim Wiederaufbau von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina um Asbest-Risiken ging, wiegelte die EPA wieder ab und weigerte sich, Kontrollgeräte an kritischen Orten zu platzieren.

Scheinbar ging es nach 9/11 der US-Regierung vor allem darum, zu zeigen, dass man ohne langes Nachdenken, so richtig in Cowboy-Manier, weiter macht. Was stört da schon ein wenig Husten. Unterdessen sind hunderte weitere Leute gestorben, tausende sind krank und noch viel mehr werden erkranken. In zehn, in zwanzig Jahren. Asbest ist ein geduldiger Killer, der Staub scheint unterdessen weg zu sein: aus den Augen, aus dem Sinn... und aus der Luft in die Lungen.

Hoffentlich werden die US-Bürger bei den nächsten Wahlen daran erinnert werden, dass Giuliani und Konsorten mit ihren Macho-Auftritten dem Massenmörder Bin Laden sogar noch in die Hände gespielt und dessen Opferzahl wissentlich, zynisch und berechnend erhöht haben, nur um selbst besser auszusehen.

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


Links zum Artikel:

Ausführlicher Bericht aus Discover Magazin




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