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Kolumne


Die Todsünden der Bankenkrise

von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 20. August 2009

. Der UBS-Deal scheint perfekt zu sein, das Damokles-Schwert, dass über der Schweizer Grossbank hing, baumelt zumindest momentan nicht mehr an einem Faden, sondern scheint auch noch mit etwas reissfesterem gesichert worden zu sein.

Die Diskussionen um den Bankendeal, die Finanzkrise und unser Wirtschaftsmodell haben eine Moral-Diskussion eingeleitet, in der vor allem die Frage gestellt wurde, wie man die Handelnden wieder unter Kontrolle, sie wieder zur Vernunft bringen kann.

Gier, Neid, Stolz und Masslosigkeit sind dabei Schlagworte, die immer wieder fallen, von denen drei biblische «Todsünden» sind und die Masslosigkeit zum Teil durch die Völlerei abgedeckt wird... konnten hier ja scheinbar auch gewisse Leute ihren Schlund nicht voll genug bekommen – mit Geld.

Ist dies also tatsächlich ein Fall für die Moralisten, welche nun bibelschwingend ihren grossen Auftritt haben können? Oder ist die ganze Sache doch etwas komplizierter?

Traditionell werden ja die Sünden und das Begehen von diesen als einfacher aber falscher Akt des freien Willens betrachtet. Doch es stellt sich immer mehr heraus, dass der freie Wille eine Illusion zu sein scheint und die meisten dieser «Sünden» ein Resultat komplexer neurologischer Regulierungsvorgängen sind, was sich bei funktionalen Hirn-Scans (fMRI), welche das Gehirn bei der Arbeit zeigen, sichtbar gemacht wird.

Leider ist gerade die Gier von all den klassischen «Sünden» am wenigsten neurologisch erforscht. Aber auch hier gibt es starke Hinweise, dass das Erfüllen des Wunsches nach «mehr» im Belohnungszentrum des Hirns, im Hypothalamus und Nucleus Accumbens mit einem Wohlgefühl durch die Ausschüttung von Dopamin belohnt wird. Doch dieses Gefühl klingt je nach Person recht schnell ab und es stellt sich der Wunsch nach einer Wiederholung ein, weshalb ein guter Deal - oder auch hundert - für manche nicht genug sind.

Nun, mag man fragen, warum denn nur bei manchen? Hier hilft ein Blick hinüber zur «Völlerei». Es stellte sich bei Studien heraus, dass stark übergewichtige Menschen und auch Drogensüchtige eine geringere Empfindlichkeit auf die Belohnungseffekte des Dopamins haben. Wenn normal «verdrahtete» Menschen sich zufrieden und satt fühlen, wollen Menschen mit der «gedämpften» Wahrnehmung immer noch mehr, sei dies nun Essen, Glücksgefühl durch Drogen oder geschäftliche Erfolge. Es ist kaum ein Zufall, dass Kokain einst die «Bankerdroge» schlechthin war – spricht sie doch genau diese Belohnungszentren an. Kommt noch dazu, dass die Hemmungsschaltkreise in vielen dieser Menschen schwächer aktiv sind. Bei Übergewichtigen wurde festgestellt, dass das Gewicht desto höher es ist, je inaktiver die Hirnregionen, die einen hemmen, sind. Ein starker Motor trifft also auf eine schwache Bremse...

Eine weitere Ursache liegt dazu noch im allgegenwärtigen Neid auf den Besitz und den Erfolg von anderen Menschen. Dieser Neid geht Hand in Hand mit dem Stolz, wobei dieser einst von Theologen als «Königin der Sünden» bezeichnet wurde. Dabei ist das sich besser sehen als man ist, etwas gesundes (was mal wieder den Blödsinn theologischer Behauptungen unterstreicht): Ein geschöntes Selbstbild ist völlig normal und hilft einem, den Alltag zu bestehen. Diese Selbstüberhöhung findet im medialen präfrontalen Kortex statt. Wenn dieser geschädigt ist und einem keinen Ego-Boost mehr verleihen kann, versinkt man in Verzweiflung und Depression.

Wenn nun eine Person ihre eigenen positiven Attribute krass durch jemand anderen übertroffen sieht, wird der Konflikt-Detektor des Hirns, der dorsale anteriore cinguläre Kortex aktiviert. Schafft man es, den anderen zu übertreffen, wird, je grösser der Triumph ist, die Belohnung auch wieder stärker, die einem das Gehirn gibt. Betrachtet man dies im Zusammenhang mit den oben genannten neurologischen Fehlfunktionen, liegt auch hier einiges Potential für ungesunde Wechselwirkungen.

So lässt sich eine Basis der Wirtschaftskrise ohne weiteres rein neurologisch erklären. Und auf einmal ist es auch klar, warum es solche Dinge wie den «gesunden Menschenverstand» an Orten wie den immer verrückteren Finanzmärkten praktisch nicht geben kann – diese Orte ziehen Menschen an, deren Hirne gierig auf das Extrem sind - mit den entsprechend krassen Resultaten. Vielleicht wäre es angeraten, in Zukunft Banker nur nach einem Hirn-Scan aufs Parkett zu lassen...

Wer nun trotzdem Bibel und Moralkeule schwingend Kommentare abgeben und seine eigene Demut als Beispiel anführen will: Diese Verhaltensweisen haben ihren Ursprung an der genau gleichen Stelle im Gehirn wie Angeberei und Stolz...


 Kommentare lesen (5 Beiträge)
· Too muchMidasSo, 23.08.2009 18:42
· Da kann ich ergänzend...thomySo, 23.08.2009 11:38
· aus dem Vollen schöpfen...caissaSa, 22.08.2009 21:07
· Ich kenne aber sehr...thomySa, 22.08.2009 19:56
· Sind Banker dabei...FH001Sa, 22.08.2009 18:30
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