von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 10. Dezember 2009
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Die Minarettinitiative lässt die öffentliche Debatte nicht mehr los und dies, weil diese Abstimmung und deren Folgen uns ein Bild von Europa zeigt, dass viele nicht gerne sehen wollten und dem sich viele verschlossen haben: Dem Bild eines Kontinents mit einer diffusen Angst vor dem Islam. Und einer Ratlosigkeit was einen selbst angeht. Verwirrung und Angst führen zu Kurzschlusshandlungen – wie eben dem Minarettverbot, das vorderhand kaum irgend ein Problem lösen wird. Das Gute daran ist, dass nun endlich eine Debatte in Gang kommt, der niemand mehr ausweichen kann: Weder Linke, Rechte noch die Muslime.
Die grosse Angst vor dem Islam sei nicht zuletzt auf den Werteverfall und die Entchristianisierung von Europa zurück zu führen, wird gerne kolportiert. Der einen Hälfte dieser Aussage kann man durchaus zustimmen, der anderen hingegen...
Europa ist zweifellos christlich geprägt. Doch die letzten 250 Jahre sind zu einem grossen Teil vom Kampf der aufgeklärten Zivilgesellschaft gegen die Kirchen geprägt gewesen. Ob es um Demokratie oder Aufklärung, Kinderarbeit oder Menschenrechte, Gleichstellung der Frau oder medizinische Fortschritte, die wissenschaftliche Erklärung der Welt oder die Geburtenkontrolle ging: Bei den Dingen, die unsere heutige, westliche Welt prägen, waren die Kirchen und das breite Christentum zuvorderst mit dabei, wenn es um den Kampf gegen den Fortschritt ging. Wenn es um die Verteidigung von den Werten unserer Gesellschaft geht – Toleranz, Freiheit von Rede- und Religionswahl und natürlich der Demokratie - dann ist es nicht wirklich das Christentum, dass zu deren Verteidigung geeignet ist. Ja es wäre – um sich einer religiösen Analogie zu bedienen- beinahe so, als ob man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben wollte.
Das eigentliche Problem ist wohl, dass viele Menschen an entscheidenden Stellen gar nicht mehr wissen, was die Basis unseres Erfolges als Gesellschaft ausmacht und diese Basis deshalb auch nicht mehr verteidigt wird.
Dies beginnt beim Meinungsrelativismus in den Medien, wo im Rahmen der meisten Debatten allen Meinungen gleich viel Raum eingeräumt wird. Dies mag bei strittigen Themen, deren Faktenlage noch erarbeitet werden muss, angebracht sein. Doch selbst bei Themen, bei denen eine Seite eigentlich nichts als Anekdoten und Aberglauben (zuletzt: Grippeimpfung) zu bieten hat, wird «ausgewogen» berichtet. Das ist etwa so, wie wenn in Schulbüchern die die Theorie der flachen Erde (die von einigen fundamentalen Christen immer noch geglaubt wird) im Geographieunterricht neben jener der Weltkugel gleichwertig abgehandelt würde.
Diese offensichtliche Verwirrtheit über das Weltbild zieht sich weiter, wenn Bildungspolitiker finden, dass im Biologieunterricht neben der Evolution auch noch religiöse Schöpfungsmythen behandelt werden sollten oder wenn in der Energiedebatte so getan wird, als wäre Wasserstoff eine Energiequelle und Uran ein unerschöpflicher Rohstoff.
Viele Leute kennen nicht den Unterschied zwischen Astronomie und Astrologie und sind vertrauter mit ihrem völlig wertlosen Horoskop als mit den Namen und der Reihenfolge der Planeten in unserem Sonnensystem.
«Fortschritt» gilt für viele als Schimpfwort, obwohl ohne diesen heute Milliarden statt nur Millionen Menschen hungern müssten, während sie glauben, das Homöopathie mehr als nur einen Placeboeffekt hervorrufen könnte.
Doch nicht nur im privaten Bereich hat der Glaube an das Magische und Unmögliche wieder Einzug gehalten: die Finanzblase war nichts anderes als der Versuch, Geld aus dem Nichts zu erschaffen. Doch sobald Geld einen echten Wert darstellen soll, der nicht durch Arbeit und Produktivität mit einem Fundament versehen ist, geht das genau so schief wie der Bau eines Perpetuum Mobiles (die heute viel toller mit der Bezeichnung «Nullpunkt-Energie-Maschinen» versehen werden) und kann nur mit dem Verlust des investierten Geldes enden.
Dass viele der besten Mathematiker frisch von den Unis zu den Banken abgingen, und die Kalkulationen für diesen Soufflé-Kapitalismus machten, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Denn diese Talente hätten ihr Wissen viel besser – leider zu einem schlechteren Lohn – einsetzen können.
Nur weil die Realität hart ist, neigt unsere Gesellschaft leider dazu, diese, soweit dies möglich ist, aus dem Alltag auszublenden und es wird bei den Kindern damit angefangen. Stattdessen werden magische Alternativwelten propagiert, die irgendwann mit der Realität kollidieren müssen und dies auch tun. Gegenüber Religionen haben diese Entwürfe den Nachteil, dass sie keinen gesellschaftlichen Konsens schaffen da sie zu beliebig sind. Ein Konsens, der im Islam scheinbar vorhanden ist, und diesem seine wahrgenommene Stärke gibt, was wiederum Angst erzeugt.
Doch nur ein Weltbild auf der Basis der Realität kann unsere Probleme lösen. Und dieses Weltbild kann nur im Rahmen von freiem Wissensaustausch, freier Meinungsbildung aufgrund von überprüfbaren Fakten, hart, aber respektvoll geführten Diskursen und einem Wettbewerb der Ideen funktionieren und dies im Rahmen universeller Menschenrechte. Religionen behindern dabei nur, verbieten Gedanken und Dialog, kerkern den Geist von Kindern ein, propagieren, sobald sie eine gewisse Dominanz erreichen, Unterdrückung und Intoleranz.
Sicher: Die Werte Freiheit, Gleichheit (der Chancen) und Respekt scheinen allzu einfach. Aber sie reichen völlig aus und sie zu leben ist eine Herausforderung, die einen sein ganzes Dasein erfüllt.