von Patrik Etschmayer / Montag, 11. Januar 2010
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Als Erstes möchte sich der Autor hier bei denen bedanken, die auf die letzte Kolumne hin reagiert und mir die von ihnen als Lügen oder Ärgernisse des Jahres wahrgenommenen Polit- und Publicity-Lügen, -Übertreibungen und -Tatsachenverdrehungen mitteilten: Vielen Dank!
Auffallend ist bei den Vorschlägen, dass es sich Mehrheitlich nicht um blanke, eindeutige Lügen handelt, sondern – zum Beispiel bei der «Schweinegrippe» - um Themen, bei denen sich die Menschen durch widersprüchliche Informationen verschaukelt fühlten.
Um bei dem Beispiel zu bleiben: Die Grippe verlor auf ihrem Weg um den Globus eindeutig an Wucht und Gefährlichkeit. Der Autor findet – im Widerspruch zur Meinung einiger Leser, die mir schrieben – dass diese Grippe am Anfang durchaus die Aufmerksamkeit verdiente, die sie bekam. Und damals wäre es unverantwortlich gewesen, sich nicht vorzubereiten. Doch spätestens jetzt – wo klar ist, dass dieses Virus in Europa weniger Todesopfer als die normale saisonale Grippe gefordert haben wird, wenn sie vorüber ist – wäre eine offene Erklärung nötig, ein Eingeständnis, dass auch das BAG nicht alles weiss und die Gefahr überschätzt worden ist.
Stattdessen wird angetönt, dass die Gefahr noch lange nicht vorbei sei. Und ja, eine zweite Welle – es ist aus der Geschichte bekannt – könnte vielleicht irgendwann kommen, aber im Moment deutet nichts darauf hin. Dieser Widerspruch zwischen offizieller Verlautbarung und wahrgenommener Realität erodiert ganz klar das Vertrauen in die Behörden.
Ein zweites, mehrfach genanntes Thema, war die CO2-Problematik. Auch hier sträubt sich der Autor, von einer «Lüge» zu reden – aber die ganze Klima-Diskussion hat an irgendeinem Punkt die wissenschaftliche Basis verlassen und ist zu einem Publicity-Krieg geworden, bei dem wichtige wirkliche Probleme, wie die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe, die Umweltschäden jenseits eines möglichen Klimawandels (Übersäuerung der Meere, Umweltzerstörung bei der Gewinnung) und die Abhängigkeit und Unterstützung von Diktaturen (Saudi-Arabien, Libyen, Iran) und multinationalen Konzernen mit nicht vorhandenem sozialen Gewissen vergessen gegangen sind. Sobald eine wissenschaftliche Diskussion als unstatthaft gilt, weil sie den Konsens gefährdet, ist irgendwas fundamental nicht in Ordnung.
Ein drittes Gebiet, wo nach Ansicht der Leser, die geschrieben haben, gelogen wurde, war die Minarett-Abstimmung, wobei hier Verzerrungen der Realität auf beiden Seiten wahrgenommen wurden.
So ist der Einwand, dass die Minarette selbst nicht zur Islamisierung beitragen (und eigentlich nichts als ein Symbolziel waren), ebenso richtig wie die Feststellung, dass die Genitalverstümmelung von Frauen kein islamisches, sondern eine aus afrikanischen Traditionen stammende Barbarei ist, die in den betroffenen Gebieten auch nicht-muslimische Frauen betrifft.
Andererseits wurde die Verharmlosung des politischen Islam und auch der Rückzieher der Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf kritisiert, die nach der Minarettabstimmung auf einmal nichts mehr von einem von ihr selbst in die Diskussion eingebrachten Burka-Verbot wissen wollte. Der Ganzkörperschleier gilt als klares Symbol des radikalen Islamismus, das vom saudischen Hardliner-Regime propagiert wird, und gilt vielen daher als ein viel vernünftigeres Verbotsziel als ein Minarett.
Die letztjährige «Schweizerin des Jahres» erfährt ohnehin einiges an Kritik für ihre sehr schwammige Art des Formulierens, wie zum Beispiel betreffend der Verhaftung Roman Polanskis, welche – bedenkt man, dass er während Jahren immer wieder in Gstaad weilte – zu diesem Zeitpunkt absurd und eher politisch als juristisch motiviert schien.
Kurioserweise erwähnte niemand irgendwelche Lügen im Zusammenhang mit der Finanzkrise und der UBS; scheinbar erstaunt bei Bankern schon lange nichts mehr.
Was in den Zuschriften vor allem zum Ausdruck kam, war eine Abneigung gegen Politiker und Medien, die ihre Wähler und ihr Publikum nicht ernst nehmen, nicht zu ihren gemachten Aussagen stehen und auch nicht bereit sind, Fehler zuzugeben und Entscheidungen zu revidieren, wenn sie sich als falsch entpuppen in der Hoffnung, so das Gesicht nicht zu verlieren. Doch sie schaden so vor allem ihrer Glaubwürdigkeit, jener ihrer Ämter und so am Ende der Demokratie selbst.
Auf ein Voting will der Autor daher verzichten: Es ist nicht so sehr ein einzelner Politiker, der mit einer Lüge den Vogel abschoss (obwohl, der Merz war echt der Hammer), sondern ein ganzes System, das ehrliches, offenes und dem Volk gegenüber respektvolles Handeln zu einer Seltenheit macht, welches die Demokratie in Frage stellt und gefährdet.
P.S. Sollten Sie, geschätzte Leser, finden, dass ein Voting trotzdem gemacht werden soll, lassen Sie es uns im Forum wissen und wir werden selbstverständlich eines auf die Beine Stellen!