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Kolumne


Wünschelruten des Todes

von Patrik Etschmayer / Montag, 25. Januar 2010

. Britische Nachrichtenportale verkündeten kürzlich, dass eine englische Firma für 85 Millionen Dollar «Sprengstoffdetektoren» an die irakische Armee verkauft habe, die «mangelhaft» seien. Das Gerät ADE-651 der Firma ATSC verdient allerdings nicht mal dieses Prädikat. Es ist einfach nur eins: Schrott. Das Ding besteht aus einem Handgriff, einer Radio-Antenne, einem Kunststoffgehäuse und einem in diesem versteckten RFID-Chip, der sonst zur Warensicherung in Läden benutzt wird (früher waren es zusammengeklebte Elektronikteile). Um Sprengstoff aufzuspüren ist das Ding in etwa so tauglich, wie Gummibärchen um Nägel in eine Wand einzuschlagen.

Das Gerät und die Firma, die es vertreibt, gibt es, in verschiedenen Inkarnationen, schon seit den 1990er Jahren. Einmal hiess das Gerät Quadro QRS 250G, ein anderes mal MOLE. Was gleich blieb, war die Tatsache, dass das Ding völlig nutzlos war. Und dies war sehr leicht festzustellen, wurde die ganze Farce doch durch den berühmten Skeptiker James Randi dokumentiert, der seinerzeit den Hersteller des Quadro-Gerätes herausforderte, deren Behauptungen zu beweisen. Natürlich passierte nichts. Nicht einmal, als das amerikanische Department of Energy feststellte, dass das Gerät ohne Funktion sei, wurde der Schwindel eingestellt. Erst als ein Ex-FBI-Agent dem Betrug auf den Leim ging und dies publik wurde, griff die Polizei in den USA ein. Resultat: Die Firma wurde geschlossen und zog nach England um, wo der gleiche Lug und Trug weitergeführt wurde. Wie? Ganz einfach indem die Beschriftung der Geräte abgeschliffen und mit der neuen Marke MOLE ersetzt wurde.

In Grossbritannien sollten damit Bomben der IRA aufgespürt werden, und wiederum fanden die Betrüger leichtgläubige Opfer in den Behörden, die für das Gerät, dessen Herstellung keine 10 Franken kosten dürfte, pro Stück mehrere Tausend an Steuergeldern hinlegten. Nun muss man sich fragen, wie das überhaupt möglich ist.

Als Erstes mal mit grossartigen Versprechungen, die von den Schwindlern mit grösster Überzeugungskraft vorgebracht werden. Dann mit dem Wunsch der Kunden, etwas zu kaufen, von dem sie schon lange geträumt haben und deren Inkompetenz, wenn es darum geht, zu wissen, wie Behauptungen richtig geprüft werden können. Und schliesslich mit Versuchen, die genau das erhoffte Resultat vollbringen.

Aber wenn nichts an den Geräten dran ist, wie können Versuche erfolgreich sein? Des Rätsels Lösung findet sich in der vom Firmenchef von ATSC, Jim McCormick auf BBC vorgebrachten Verteidigung: Sein Gerät beruhe auf denselben Prinzipien wie Wünschelruten, mit denen man unterirdische Wasseradern aufspüren könne.

Aha. Wünschelruten. Viele glauben daran und scheinbar geht es ja auch: Ein Rutengänger sucht nach Wasser. Die Rute schlägt aus. Er geht nochmals vorbei. Und genau an der gleichen Stelle schlägt sie wieder aus. Immer an der gleichen Stelle. Doch Wasser kommt nicht in Adern vor, sondern in Schichten, weshalb auch meistens Wasser gefunden wird, wenn man nur genug lang gräbt. Auf 10 Meter mehr oder weniger kommt das nicht an. Die Rute schlägt an der gleichen Stelle aus, weil der Rutengänger weiss, dass sie da schon vorher ausschlug. Denn es ist gar nicht die Rute sondern der Rutengänger, der die Rute bewegt, ohne dass er es bemerkt. Dieses Phänomen heisst «ideomotor Effekt» und ist sehr gut dokumentiert.

Wenn Rutengängern hingegen eine überprüfbare Aufgabe (z. B. fliessendes Wasser in einem von zehn vergrabenen Rohren zu finden) gestellt wird, versagen sie. Es wurden schon Hunderte Rutengänger getestet. Keiner und wirklich kein Einziger, hat es je über die durch den Zufall zu erwartende Quote hinaus gebracht. Wünschelruten funktionieren nicht! Wenn sich McCormick also auf dieses Wirkprinzip beruft, sagt er nichts anderes als: Ich verkaufe Schrott!

Wenn ATSC die Kunden ihr unterdessen auf ADE-651 umgetauftes Gerät testen liess, dann wussten die Teilnehmer, wo der Sprengstoff lag und der «Detektor» schlug aus, weil der Tester sie unbewusst dort hin bewegte, wo der Sprengstoff «verborgen» war.

Es ist ja ganz nett, wenn man solche Spielchen an einem Kindergeburtstag veranstaltet. Aber im Irak kostete diese Kombination von Wunderglauben, Inkompetenz und vermutlich Korruption schon Hunderte von Leben, weil Sprengstoff nicht gefunden werden konnte und kostet weiterhin leben, weil diese Müllteile vorerst noch in Verwendung bleiben! Der Glaube, dass diese Wünschelrute des Todes funktioniere, wiegt die Opfer in falsche Sicherheit und spielt den Mördern in die Hände.

Der Zynismus der Betrüger ist unglaublich und die Gleichgültigkeit der Behörden in England (obwohl der Autor sicher ist, dass es auch in der Schweiz genau gleich wäre) gegenüber solchen Scharlatanen erschütternd. Erst mehr als 10 Jahre nachdem die Betrüger sich in England niederliessen, und nur weil der Skandal wirklich nicht mehr zu ignorieren ist, wird widerwillig gehandelt. Es ist einfach viel bequemer, Scharlatane, Lügner und Betrüger einfach machen zu lassen. Und wenn jemand dabei drauf geht... tja... damit können Behörden scheinbar leben.

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


Links zum Artikel:

Der Ideomotor-Effekt kurz erklärt Englischer Wikipedia-Artikel zu unbewussten Muskelbewegungen

James Randis Kommentar zum Skandal Ein Kommentar des Mannes, der den Scharlatanen seit 15 Jahren die Hölle heiss macht.

Der Quadro-Detektor Skepdic-Artikel über die erste Version des fraglichen Bombendetektors (auch Englisch)

Australische Rutengänger scheitern kläglich Erstes von fünf Youtube-Videos, in denen sich australische Rutengänger prüfen lassen - und alle scheitern.


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