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Kolumne


Der Traum von Gerechtigkeit

von Patrik Etschmayer / Mittwoch, 27. Januar 2010

. Barack Obama will die Banken schrumpfen und die anderen Politiker der Welt folgen seinem Beispiel. Die Banken sollen nicht mehr so gross werden, dass sie das ganze System, dass sie trägt, gefährden und mit reissen könnten. Dies wird mit Sicherheit eines der beherrschenden Themen am diesjährigen WEF sein.

Diese Regeln und Vorschriften gab es zum Teil bereits einmal und wurden in den USA erst vor 11 Jahren über Bord geschmissen. Und sie wirkten auch – zum Teil. Aber ein ganz, ganz grundsätzliches Problem wird mit keiner Beschränkung und keiner Vorschrift angegangen. Nein, es ist nicht die Gier des Menschen – diese ändern zu wollen, ist völlig nutzlos, ist sie doch ein Teil der menschlichen Psyche seit der Zeit lange bevor es Geld gab.

Es ist ein Problem, dass so grundsätzlich mit unserer Wirtschaft verbunden ist, dass es fast nicht angesprochen wurde, in der ganzen Krise. Das Problem hört, je nach Land, auf ganz verschiedene Namen, die meist als Abkürzung hinter einer Firma stehen: S.A., AB, AG oder Ltd.

Die juristische Persönlichkeit und von diesen vor allem die Aktiengesellschaft ist wahrscheinlich eine der folgenreichsten Erfindungen in der Wirtschaftsgeschichte. Sie ermöglicht es, dass eine Firma ihr Eigenkapital vergrössern kann, indem sie dieses von Investoren einsammelt, mit dem Versprechen, einen Teil der so ermöglichten Gewinne wieder an diese, die Aktionäre, zurück zu geben.

Viele Erfolgsstories sind nur so möglich geworden, nicht zuletzt, weil der Aktionär auf lange Sicht viel Gewinnen aber höchstens seinen Einsatz – das, was er für die Aktie zahlte – verlieren kann.

Bei den meisten Firmen ist das auch in Ordnung, da die Risiken, die ein herkömmliches Unternehmen eingehen kann, von begrenzter Grösse und auch reell zu beziffern und versichern sind. Doch bei Banken ändert sich das Bild sehr schnell. Die Möglichkeiten mit sogenannten Hebeln zu arbeiten, schafft die Chance auf riesige Gewinne, wenn alles gut geht, vergrössert allerdings auch die Risiken dramatisch. Nur nicht für die Aktionäre, bei denen höchstens das investierte Kapital auf dem Spiel steht. Das Versprechen gigantischer und vor allem schneller Profite, kombiniert mit einem genau bekannten Risiko, bringt das ganze Szenario in ein ungesundes Ungleichgewicht.

Solange die Gewinne fliessen, interessiert niemanden, wie viel auf dem Spiel steht. Schon gar nicht die Investoren, welche die Gewinne einstreichen. Denn das Risiko ist ja beschränkt. Stattdessen ist der Wille umso stärker, den Gewinn so zu maximieren, dass auch noch das letzte bisschen raus gequetscht wird. Die Banker mit ihren Boni und die Anleger, die auf eine irre Aktienperformance hoffen, sitzen also im gleichen Boot.

Wenn nun hingegen auch das Verlustrisiko unbeschränkt wäre, würde die Sache ganz anders aussehen. Risiken zu verstecken und zu vergraben, war in den Jahren vor der Krise das grosse Ding. Nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Risikobewertung vieler Papiere war – sogar nach eigenem Dafürhalten der Banker – unmöglich. Zu verworren die Strukturen, zu byzantinisch der ganze Markt der sogenannten «strukturierten» Papiere.

Hätten die Beteiligten hingegen mit ihrem gesamten Vermögen gehaftet, hätten die Investoren nicht nur Gewinne gelockt sondern der absolute Ruin gedroht, nichts von alledem, das uns in den letzten zwei Jahren fast in den Abgrund getrieben hätte (und vielleicht noch treiben wird), wäre passiert.

Wenn Investoren Risikokapital in junge Firmen einschiessen, wissen sie um das Risiko, dass sie eingehen. Das Prinzip ist transparent, die Logik greifbar und wenn eine grossartige Idee in der Folge grosse Gewinne erzielt, haben alle etwas davon: Der Erfinder, der Investor und der Konsument. Wenn das Produkt floppt, hat der Investor eben Pech gehabt.

In der Finanzindustrie hingegen ist von Haftung und Verantwortung keine Rede. Die Risiken wurden zwar eingegangen. Da sie aber nicht gegen Gesetze verstiessen, verlor kein Investor über das Mass seiner Investition hinaus Kapital. Stattdessen haftete am Ende der Steuerzahler dafür, was die Banken angerichtet haben.

Wenn die Haftungsbegrenzung bei Banken und Versicherungen wegfallen würde, könnte man sicher sein, dass die internen, freiwilligen Kontrollen – ganz ohne gesetzliche Vorschriften – um vieles besser und strenger wären. Es würde gewissenhafter gearbeitet und nur abwägbare Risiken würden eingegangen.

Doch dies muss wohl eine Illusion bleiben, ein Traum davon, dass jene, die alles riskieren auch dafür zahlen müssten, der Traum, dass auch ein Ospel und ein Kurer plötzlich beim Sozialamt stünden und herausfinden müssten, was «Existenzminimum» bedeutet, statt sich grinsend aufs Altenteil zurück ziehen zu können und dabei die Hände in Unschuld zu waschen.

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


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