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Kolumne


Copypasteurisierte Demokratie

Regula Stämpfli / Mittwoch, 10. Februar 2010

Nach fünf Jahren zurück auf news.ch: Regula Stämpfli seziert hier wieder jeden Mittwoch das politische und gesellschaftliche Geschehen. Sie beginnt heute mit einem mittelamerikanischen Lurch, der sich in die deutsche Literatur verirrt hat und sie erklärt, warum der durchaus was mit Roger Köppel zu tun hat. Das neue deutsche Fräuleinwunder Helene Hegemann hat mehr mit dem Unbehagen mit der herrschenden Politik zu tun, als Roger Köppels deutsche Talkshowtour mit seinem sogenannten Expertenstatus. Da kopiert eine Jungautorin ihren Bestseller mit schönem neudeutschen Titel Axolotl Roadkill aus dem Internet. Die flötenden Feuilletonisten, die vor lauter langen, blonden Haaren, Worten und Jugend gleichermassen ins Schwärmen geraten, reiben sich nun, nach ein paar Tagen, die Augen, respektive schauen mit denen verblüfft auf die recherchestarken Enthüllerblogs. Hegemann wird keine Hehlerei, kein Rechtsstaatsbruch, kein Angriff auf die Literaturszene vorgeworfen.

Wahrscheinlich verkauft sich ihr Plagiat nach seiner Enthüllung noch besser als vorher – Puzzle war ja dank «Ravensburger» schon längst der Deutschen Lieblingsbeschäftigung – weshalb also jetzt nicht ein Teilchen-Text-Spiel mit Axolotl? Der Roman steht und fällt schliesslich nicht mit den darin copypasteurisierten Worten, sondern bleibt wahrscheinlich ein Bestseller dank der rauchig-blonden Jetztzeitfrau.

Axolotl gibt es mittlerweile auch in der Deutsch-Schweizer Politik. Da gibt es ein CopyPaste für einen Bankkunden-Datensatz, etwas neu zusammen gemischt. Dieser wird auf den Staatenmarkt geworfen und schon ist der Roadkill für das schweizerische Bankgeheimnis konzipiert. Für uns Schweizernde hat dies den schmeichelhaften Nebeneffekt, dass in Deutschland als offizielle Schweiz-Vertreter Figuren à la Schlüer und Köppel herumgereicht werden. Man stelle sich vor, die ARD und das ZDF würde für La France ausschliesslich Le Pen reden lassen oder bei deutschen Konflikten mit Holland ausschliesslich Geert Wilders einladen. Die französische Regierung sowie die Niederlande würden wahrscheinlich bei den obersten Stellen von ARD/ZDF intervenieren!

Doch das deutsche Schlüer/Köppel-Syndrom ist eben auch CopyPaste. Solange «Club» sowie «Arena» ständig mit Schlüers und Köppels bevölkert sind, pasten auch ZDF und ARD dieselben Figuren als Experten in ihr Programm. Zudem stehen Schlüer/Köppel international gesehen zwar auf exakt derselben rechtspopulistisch extremen Stufe von Le Pen und Wilders, doch schweiz-national sind die Beiden eben mittlerweile Mainstream – siehe Giacobbo/Müller.

Wie würden wohl die Schweizernden reagieren, wenn nun auch die deutsche Regierung CopyPaste analog Hegemanns Argumentation anwenden würde? «Ich bin», behauptet sie, «nur Untermieter in meinem eigenen Kopf.» Ja, sie habe sich bei Airens Blog bedient, gibt sie zu, warum auch nicht, der habe doch «einen Teil der alternativen Lebensweise, über die ich berichten wollte, auf den Punkt gebracht hat, und mit dem ich über das Buch auch ein Stück weit versuche, in Kommunikation zu treten» (siehe Link).

“Wir sind“, könnte Bundeskanzlerin Merkel betonen, „nur Untermieter in unserem eigenen Staat.“ Ja, ja, ja, die deutsche Regierung bediene sich bei sogenannt gestohlenen Daten, warum auch nicht, denn diese sind doch «Teil der realen Welt, für die eine Regierung auch gewählt wurde.» Zudem: „Mit dem Kauf der Daten könne die deutsche Regierung ihr geltendes Steuergesetz auf den Punkt bringen und damit auch ein Stück weit versuchen, in Kommunikation mit den Bürgern zu treten.“

Erkennen Sie, wie wir mittlerweile alle vom Lurch Axolotl getreten sind?

Die Welt hat sich so verändert, dass nichts mehr gilt, was sogenannt Recht ist. CopyPaste ist kein Kopieren, mey, nein! CopyPaste ist, in einen sogenannten Kontext gesetzt, völlig legitim, legal und Ausdruck einer offenbar herrschenden Wahrheit, selbst wenn diese nur gestohlen ist. Die Welt hat sich verändert, die Politik nicht und nun versuchen die internationalen CopyPaster unter sich auszumachen, wer mehr Macht und Geld hat, sein CopyPaste auch als rechtmässig zu verkaufen. Macht spricht so Recht.

Wie ungemütlich dies an allen Ecken und Enden empfunden wird, zeigt sich in verschiedenen Formen: in Zürich in einer Chaotendemo ohne wirkliche politische Ziele, an den Unis in Studierendenstreiks ohne Forderungskatalog, in Griechenland sowie Deutschland in Streiks der öffentlichen Betriebe ohne Aussicht auf wirkliche politische und ökonomische Reformen usw.

CopyPaste als politische, kulturelle sowie ökonomische Veranstaltung reicht eben nicht aus, um eine gemeinsame lösungsorientierte Haltung sowie Ziele zu entwickeln. Deshalb ist auch Hegemann nicht nur ein individuelles Literatenphänomen, sondern Fingerzeig herrschender Einstellungen, Politiken sowie Definitionsmacht. Es wäre höchste Zeit, nicht nur punkto Urheberrecht, sondern vor allem auch punkto Politik und Wirtschaft, mit dieser organisierten Verantwortungslosigkeit aufzuräumen und aufzuzeigen, wie unsere Demokratien mit dem rasanten (Werte)Wandel dieser Welt umgehen können und sollen. Dazu gehört an erster Stelle die Wahrnehmung der vollen Verantwortung der von uns gewählten Politikerinnen und Politiker.

Verantwortung bedeutet auch klare Kommunikation, das Schaffen einer gemeinsamen Basis und: Bei allfälligem Scheitern ein Rücktritt und damit die Chance für einen Neubeginn. Denn eine Einsicht ist entscheidend: Das internationale CopyPaste ist keine rechtliche, sondern eine politische Frage. Denn unsere Zukunft ist keine ästhetische, rechtspositivistische Formfrage, sondern eine durchwegs politische Angelegenheit. Auf was warten wir alle denn noch? Die letzten Zeilen waren übrigens originär und nicht abgeschrieben...

 


Links zum Artikel:

Die Süddeutsche zu Helene Hegemann Ein Polemik zu Hegemann mit vielsagenden Zitaten


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