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Kolumne


Emanzipation zum Menschen

von Patrik Etschmayer / Montag, 22. Februar 2010

. Je nachdem, auf welcher Seite der Geschlechterkrampffront man sich befindet, kann man über den Zustand der Gleichberechtigung der Geschlechter in Arbeit und Gesellschaft beinahe diametrale Ansichten vernehmen.

Wenn auf der einen Seite behauptet wird, dass Frauen immer noch fast 30% weniger verdienen, folgt die Entgegnung, dass in den Lohn eben nicht nur die Leistung einfliesst, sondern auch das Verhandlungsgeschick der Arbeitnehmer und deren Wille, für die Karriere Opfer auf sich zu nehmen. Zudem wählten Frauen vielfach falsche Studienrichtungen, um Karriere machen zu können: Pädagogik statt Physik, Sprachen statt Jurisprudenz.

Einer der am meisten karrierehemmenden Umstände sei, dass Frauen Kinder bekommen, das Familienleben als alternative Karriere betrachteten und auch gut verdienende Männer heiraten würden (wobei dies nicht einseitig ist: viele Männer können den Gedanken nicht ertragen, Frauen, die besser als sie verdienen, zum Partner zu haben). Währenddessen mache es Männern nichts aus, ihr Privatleben voll und ganz der Karriere zu opfern. Die ganze Frauenförderung sei – wegen der Frauen – für die Katz gewesen.

Jedem Ping folgt ein Pong und die Diskussion blieb lange stecken... bis jetzt mit Erstaunen festgestellt wird, dass in so manchem Land bei den Jugendlichen die Männer ins Hintertreffen geraten. Die Alpha-Tier-Eigenschaften, die Jungs und Männer einst vorangebracht haben, würden von den häufig weiblichen Lehrerinnen pathologisiert, Buben fallen aus dem Raster oder, wie es ein Autor formulierte: Huckelberry Finn und Tom Sawyer würden heute mit Ritalin ruhig gestellt (eben so wie der Eugen und der Wrigley in der Schweiz).

In antiken Mythen war davon die Rede, dass der Mensch einmal beidgeschlechtlich und völlig glücklich war. Die Götter waren neidisch und zerteilten den Menschen in Mann und Frau, so dass seither die beiden Hälften nacheinander suchen. Nette Geschichte, wenn auch nicht wahr. Aber sie deutet auf eine biologische Tatsache hin: Männer und Frauen sind enger miteinander verbunden, als es viele akzeptieren wollen und auch all jene Eigenschaften, die gegenseitig bemängelt werden, sind solche, die das eine Geschlecht beim anderen jeweils als erstrebenswert betrachtete.

Dass heute zum Beispiel männliche Aggression eine sehr schlechte Reputation hat, liegt nicht zuletzt daran, dass durch den ebenfalls als männlich betrachteten Forscherdrang die hiesige Welt zu einer wurde, in der sie fast keinen Zweck mehr hat. Während Mädchen bereits in jungen Jahren verblüffende soziale Fähigkeiten aufweisen und Konflikte zum Teil mit Ränkespielen hinter den Kulissen austragen, geht diese Art des Kämpfens an Jungs vollkommen vorbei. Die verkloppen sich auch heute noch, wenn man sie lässt. Doch man lässt sie immer weniger und bestraft sie stattdessen für Dinge, die Tausende Generationen lang zum Aufwachsen eines Jungen gehörten.

Natürlich ist das Erwerben erweiterter sozialer Fähigkeiten wichtig. Aber dafür muss ein Kind erst einmal eine Basis, die in sich stimmt, finden. Wenn man das nicht zulässt, zieht man mysogynistische, neurotische Jungs heran, die auf einer ständigen, erfolglosen Suche nach der eigenen Identität sind.

So präsentiert sich nun die absurde Situation, dass Frauen in einer von männlichen Strukturen geprägten Wirtschaft noch benachteiligt werden, während die nachfolgenden männlichen Jugendlichen immer mehr Mühe haben, in einer feministisch geprägten Pädagogik zu bestehen, so dass mittelfristig vermutlich die ganze Gesellschaft unter diesem Kudelmuddel leiden wird.

Um eine Lösung zu finden, ist vermutlich viel Pragmatismus gefordert, Pragmatismus, der im Widerspruch zu vielen Wunsch-Geschlechterrollen steht. Männlich geprägte Strukturen müssen in Firmen aufweichen, aber gleichfalls müssen Frauen ein Stück weit akzeptieren, dass in technologisch orientierten Firmen vor allem technisches Wissen gefragt ist, während pädagogische Berufe auch für Männer wieder attraktiver werden müssen.

Es gibt viele Ansätze oder zumindest ein Anerkennen dieser Probleme und manches ist bereits besser, als viele akzeptieren wollen. Wir befinden uns seit gut hundert Jahren in einem konstanten Umbau der Gesellschaft, bei dem jahrhundertealte Rollen und Traditionen zum Teil gewalttätig entsorgt, auf den Kopf gestellt und für ungültig erklärt, bei dem als sakrosankt geltende Mauern eingerissen und neue, unbekannte Wege gesucht werden, wobei dies alles von einer rasenden technologischen Entwicklung begleitet und beschleunigt wurde.

Fehltritte und Missverständnisse sind da ganz normal, müssen und können, weil wir um die Dynamik der Situation wissen, korrigiert werden. Es ist für unsere Gesellschaft und deren Überleben entscheidend, dass alle Mitglieder die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten einzubringen, sprich, dass alle die Gelegenheit haben sich aus einer vorgegebenen Rolle heraus zum Menschen zu emanzipieren, statt am Rand der Gesellschaft marginalisiert zu werden.

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


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