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Kolumne


Die Legende von der Moral und dem Geld

von Patrik Etschmayer / Freitag, 26. Februar 2010

. Es gibt eine Legende, die in neoliberalen Kreisen immer wieder gerne verbreitet wird: jene, dass in freien Märkten mit minimaler Regulierung sich Moral und Fairness praktisch von selbst einstellen würden. Die Argumente, die dafür vorgebracht werden, sind auch sehr verfänglich: Schlechte Marktteilnehmer, die unehrlich sind, werden bestraft, indem sie von den Kunden gemieden werden, gute werden mit mehr Kundschaft belohnt, und so weiter...

In diesem Wolkenkuckucksland-Kapitalismus kann jeder, der arbeiten will, ALLES erreichen und wer arm ist, ist ganz selber schuld, weil faul, dumm, faul und dumm oder, am schlimmsten, ein Sozi.

Wie wenig dies zutrifft, zeigt sich anhand der momentanen und der kommenden Krisen auf dem weltweiten Banken- und Kreditmarkt. Griechenland ist ja ein Wunderbeispiel dafür, was passiert, wenn selbst ein kleiner Bereich des Kreditgeschäftes nicht genau geregelt ist. Da werden Schulden gemacht, verpackt und in die Zukunft verschoben. Die Schulden tauchen dank der Dienste von Goldman Sachs erst auf, wenn die Hütte am Brennen ist.

Dies passierte alles mit vollem Bewusstsein um die Konsequenzen und dem Wissen, dass hier ein Desaster angerichtet wird, das die ganze EU in den Abgrund reissen könnte. Wo genau lässt sich hier die Moral des Geschäftes finden? Das Argument, dass Goldman Sachs hier lediglich einen Kunden – einen Staat sogar – bedient habe, ist nicht akzeptabel, denn das desaströse Resultat war absehbar. Wer nach bestem Wissen und Gewissen handelt, darf nicht dabei helfen, eine fiskale Katastrophe vorzubereiten.

Es ist noch nicht abzusehen, wie viel wirtschaftlichen und menschlichen Schaden dieser «Bschiss» anrichten wird. Nur eins steht fest: Kein Goldman-Sachs-Manager wird seinen Kopf für die Schäden hinhalten müssen, denn rein formal war ja alles rechtens.

Doch wenn alles weiterhin so toll läuft, wird dieser Katastrophen-Hotspot bald von einer anderen finanziellen Kernschmelze überstrahlt, jener der Gewerbeimmobilien in den USA. Dieses drohende Desaster umfasst auch wieder faule Kredite in Billionenhöhe (nein, es ist nicht von Billions – englischen Milliarden – es ist wirklich von Billionen, also tausenden Milliarden die Rede). Das einzig Gute an dieser neuen Kreditkrise wäre, dass sie endlich mit einer anderen neoliberalen Legende aufräumen würde.

Es wird im Köppel-Universum immer noch steif und fest behauptet, die Immobilienkrise sei nur zustande gekommen, weil die armen Banken durch die sozialistische US-Regierung gezwungen gewesen seien, irgendwelchen Schwarzen in Slums Hypotheken zu geben. Es gab zwar so ein ähnliches Gesetz, doch der Umfang dieser Hypotheken war recht klein und deren Bonität ziemlich gut. Aber Legenden sind kaum umzubringen, vor allem wenn sie mit genug Propaganda-Kapital unterfüttert werden.

Es dürfte Interessant sein, mit welcher Legende die aufgeblähten Hypotheken-Schulden für Gewerbeimmobilien erklärt werden sollen, die auch wieder in irgendwelchen Paketen verschnürt in alle Welt verhökert wurden.

Um zurück zur Legende des moralischen Kapitals zu kommen: Es stimmt, ein Markt mit vergleichbar starken Teilnehmern kann Gerechtigkeit erzeugen, doch die Ansammlung an finanzieller und auch politischer Macht in den Händen multinationaler Finanzinstitute hat zu einer Gesetzlosigkeit auf höchstem Niveau geführt. Die unvermeidlichen Rettungsaktionen für Grossbanken zeigen auf, in welcher Geiselhaft sich die Staatengemeinschaft befindet.

Fairness bedeutet, den Ereignissen der letzten Jahre nach zu urteilen, dass das Risiko weniger auf die Schultern vieler verteilt wird. Die jetzt schon wieder getätigten Bonus-Zahlungen, sind ein Zeichen fast grenzenloser Arroganz und Verachtung.

Die Legende von der deregulierten Moral ist genau das: eine Legende. In einer Welt ohne Regeln und Vorschriften herrscht einfach das Recht des Stärkeren. Freiheit ist für eine funktionierende Wirtschaft notwendig, doch nicht nur Gesetze können die Freiheit einschränken, Monopole, Oligopole und Kartelle schaffen dies mindestens genau so gründlich.

Dass die neoliberale Märchenstunde noch nicht vorbei ist, ist lediglich ein Beweis dafür, wie viel Geld und Macht hinter dieser Ideologie steht - Geld, das ausgerechnet dort gewonnen wurde, wo jetzt die grössten Löcher klaffen...

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


 Kommentare lesen (19 Beiträge)
· Der GegenvorschlaghubabubaFr, 05.03.2010 14:47
· sehr schöne GedankenJasonBondFr, 05.03.2010 14:06
· CH EuropajorianFr, 05.03.2010 13:46
· Freie MarktwirtschaftMidasFr, 05.03.2010 13:35
· Eher 100 Billion $ Frage...JasonBondFr, 05.03.2010 12:38
· Mani MatterhubabubaFr, 05.03.2010 11:15
· Eben, lieber Midas!thomyFr, 05.03.2010 10:43
· Endlich mal jemand,MagnusFr, 05.03.2010 10:33
· ganz neue Wege suchenhubabubaFr, 05.03.2010 08:37
· Viel der WorteMidasFr, 05.03.2010 07:41
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