von Patrik Etschmayer / Montag, 24. Mai 2010
Als in der letzten Woche Craig Venter, der DNS-Magier aus den USA, mitteilte, dass er ein künstliches Bakterium geschaffen habe, ging sofort ein Raunen durch die Medien
Da war natürlich die ausserordentliche Leistung von Venters Labor, aus künstlich erzeugten DNS-Bauteilen das Genom eine Bakteriums zusammen zu puzzeln (wobei es sich um den Nachbau eines bekannten, natürlichen Bakteriums handelte) und dies in die Hülle eines anderen Bakteriums einzupflanzen, das in der Folge vom neuen Erbgut gekapert wurde.
Doch vor allem wurden auch schon wieder Stimmen laut, die vor Gefahren dieser Technik warnten. Wie schon bei der Nahrungsmittel-Gentechnik – von denen bis jetzt noch kein Fall bekannt ist, bei der Schäden bei irgend einer Person aufgetreten wären – sind es auch jetzt wieder vor allem Schreckensvisionen, die in der Realität keine Grundlage haben, die umgehen.
Was, so die Befürchtung, wenn dereinst ein Superbakterium aus dem Labor entweicht und sich über die wehrlose Welt hermacht? Diese Frage verdient es durchaus, näher betrachtet zu werden. Aber vor allem, weil hier bereits falsche Antworten impliziert werden.
Zum einen werden den Bio-Ingenieuren schon wieder frankensteinische Fähigkeiten zugestanden, die sie gar nicht haben, zum anderen wird die Natur und die Evolution als hilflose Pfuschveranstaltung hingestellt. Ein vollständig im Labor konstruiertes Bakterium wäre in der wirklichen Welt ausserhalb der Zuchtkulturen nämlich in etwa so überlebensfähig wie ein Hamster in einer Schlangengrube.
Warum? Ganz einfach, weil die Welt voller Superbakterien ist, die sich seit Milliarden von Jahren unter dem evolutionären Druck einer feindlichen Umwelt mit jeder Teilung besser an diese anpassen, oder absterben und so aus dem Stammbaum des Lebens herausfallen. Bakterien haben es mit dieser Methode praktisch überall hin geschafft: Sie leben in Wolken, sie leben in der Tiefsee, sie leben sogar in Felsen. Bakterien schaffen es, in giftigen Kloaken zu gedeihen und in heissen Quellen, in denen andere Lebewesen gekocht würden. Zu unserem Leidwesen überwinden Bakterien auch von Menschen geschaffene Hürden wie Antibiotika und immer mehr Desinfektionsmittel. Und immer wieder erstaunen die Mechanismen, welche nur durch Druck von aussen und die natürliche Selektion erfunden werden, auch die Wissenschaftler, deren Job es ist, Bakterien zu bekämpfen.
Die Copyright-Bakterien, die irgendwann konstruiert werden sollen, werden sehr spezialisierte Viechlein sein, die ausserhalb der Bioreaktoren keine Chance haben werden. Dies hat verschiedene Gründe. Spezial-Lebewesen, die nach den Wünschen der Menschen gezüchtet werden, tauschen Eigenschaften, die ihrem Überleben in der Wildnis dienlich sind, gegen solche ein, die dem Menschen nutzen. Eine Milchkuh würde zum Beispiel in der freien Wildbahn genau so wenig Überleben wie ein Rudel Chihuahuas oder ein Bakterium, das den Grossteil seiner Energie dazu aufwendet, Schmerzmittel zu erzeugen oder CO2 zu binden. Solche Bakterien hätten gegen ihre Gegner aus der Natur einfach keine Chance – die ihnen angezüchteten Eigenschaften sind ausserhalb des vom Menschen für sie geschaffenen Lebensraums eine Belastung, die sie vermutlich möglich ablegen müssten, um nicht auszusterben.
Doch auch den Wunderversprechen der Venters und Kollegen sollte man ausreichend Skepsis entgegenbringen: Auch ein noch so toll konstruiertes Bakterium kann die Naturgesetze, wie die Sätze der Thermodynamik, nicht brechen. So wird auch die Erzeugung «sauberen Benzins» mehr Energie verschlingen, als am Schluss raus kommt, besteht der Input nun aus Chemikalien, Sonnenenergie oder anderen Rohstoffen, mit einem entsprechenden Energiepotenzial. Verluste sind unvermeidlich – das Wichtigste wird es sein, die Effizienz gegenwärtiger Prozesse zu verbessern
Realistisch betrachtet kann dieses «künstliche» Leben dereinst ein sehr nützliches Werkzeug im immer grösseren Werkzeugkasten unserer Technologie sein. Nicht mehr und nicht weniger. Dessen sollte man sich bei der anstehenden Diskussionen bewusst sein.