von Patrik Etschmayer / Freitag, 11. Juni 2010
Wenn es so weiter geht, werden dereinst noch viel mehr Secondos und Eingebürgerte in unserer Nati spielen. Und nein, der Autor hat nicht das Geringste gegen einen Blaise Nkufo oder Xherdan Shaqiri in den Reihen der Schweizer Nationalmannschaft. Aber die Frage darf erlaubt sein, warum von einem Kader aus dreiundzwanzig Leuten nur die Hälfte keinen Migrationshintergrund hat. Sind Schweizer denn sportlich solche Flaschen?
Es sieht ganz danach aus. Und – wenn die Erfahrungen von Primarschullehrern etwas Zählen – es wird immer Schlimmer werden. Es ist unterdessen so weit, dass auf Velo-Ausflüge verzichtet wird, weil es einfach zu gefährlich geworden sei. Nicht, wegen des schlimmen Autoverkehrs, sondern weil viele Kinder von heute nicht mehr in der Lage sind, sich sicher mit einem Fahrrad zu bewegen.
So schaffte die Stadt Biel vor einigen Jahren ihre Radfahrprüfungen, die in der Schweiz ja eigentlich Tradition sind, ab. Auch dies wurde aus Sicherheitsgründen gemacht.
Wer nun die Schuld bei TV und Videospielen sucht, greift zu kurz. Das Elend beginnt an ganz anderen Orten. Wer sich heute mal zum Schulschluss in der Nähe einer Schule aufhält, könnte durchaus dem Irrtum verfallen, es sei Samstag und hinter der nächsten Ecke verberge sich keine Primarschule sondern ein Shoppingcenter. Gestresst aussehenden Mamis und Papis am Steuer der mittlerweile so genannten Mami-Taxis verstopfen die Strassen und stellen für die wenigen Kinder, die noch zu Fuss oder mit dem Velo ihren Schulweg bewältigen, die vermutlich grösste Gefahr auf der ganzen Strecke dar. Doch nicht nur für diese. Auch jene «Kiddies», die Gesetzeskonform in ihre Sitzschalen geschnallt werden, werden durch den elterlichen Transportservice einem unnötigen Risiko ausgesetzt, jenem der chronischen Bewegungslosigkeit. Richtig absurd wird es, wenn es mit dem Auto von der Schule zweimal pro Woche ins Training geht, wo 2 Stunden organisierte Bewegung das kompensieren sollen, was durch die ständige Herum-Karrerei versäumt wird.
Selbst längere Strecken von mehr als einem Kilometer Schulweg sind dabei keine Ausrede für den Fahrservice, sofern der Nachwuchs weiss, wie ein Velo sicher auf der Strasse bewegt werden kann. Zudem bietet der Schulweg einen unkontrollierten Freiraum für die Kinder, auf dem sie mit Kameraden herum albern, etwas trödeln und Eigenverantwortung lernen können. Dinge, die im Kindersitz im Minivan nicht möglich sind.
Doch Eltern trauen ihren Kindern scheinbar nichts mehr zu und fürchten sich so sehr vor eingebildeten oder übertrieben wahrgenommenen Gefahren, dass die lieben Kleinen am liebsten in einer perfekt durch organisierten Welt gehalten werden, in der Worte wie «herum strolchen» und «Zeit vertrödeln» zu Tabu-Ausdrücken geworden sind. Dabei ist die geistige Entwicklung eng mit der körperlichen Verbunden. Wenn selbst der Purzelbaum zu einer Ausnahmefähigkeit bei Kindergärtnern geworden ist, dann darf es einen nicht wundern, wenn ein Aufwachsen in der Schweiz die Chancen, dereinst in der Nati zu spielen, wesentlich einschränkt.
Aber auch jene, die den Nachwuchs lieber nicht in einem Fussball-Team sehen, sollte dies alles nicht gleichgültig sein. Der Spass an Bewegung ist Kindern angeboren. Dabei steht keineswegs ein Leistungsgedanke im Vordergrund, sondern das Erfahren des Körpers, die Etablierung einer Einheit von Psyche und Physis. Der heute von vielen Eltern verinnerlichte Versuch, ihre Kinder so weit es nur geht, von der Welt fern zu halten, um sie vor Schaden zu schützen, ist dabei langfristig gesehen extrem kontraproduktiv.
Sicher, die Kleinen werden sich weniger blutige Knie und Schrammen holen. Und ein 120 kg schwerer Teenager mit Diabetes dürfte kaum von einem Baum runter fallen oder von einem fiesen gegnerischen Verteidiger gefoult werden. Dafür wird er an kaputten Gelenken leiden, kaum mehr Treppen gehen können und Gefahr laufen, irgendwann zu erblinden oder seinen Fuss zu verlieren.
Elternliebe ist wunderbar, aber wenn sie unsere Kinder krank macht, ist irgendwas schief gelaufen.