Ausbeutung? Vielleicht. Falsche Branche? Und ob!
von Patrik Etschmayer / Freitag, 9. Juli 2010
Wow. Wenn es nicht Tatsache wäre, man müsste dieses Sommerskandälchen fast schon erfinden. Ein SVP-Politiker, der für Recht und Ordnung eintritt und mit seiner Körperfülle genau so wie mit seinen barschen Auftritten polarisiert, stolpert über sein Hobby, das darin bestand, Sex-Parties zu organisieren.
Ups!
Was für ein gefundenes Fressen! Alle stürzten sich sofort auf Fabien Richard, der augenblicklich die Konsequenzen zog und alle seine Ämter sehr schnell aufgab, nicht ohne vorher noch zu betonen, dass er nie an den Partys teilgenommen habe (was irgendwie eine Erleichterung für das ohnehin erhitzte Gemüt des Medienkonsumenten gewesen sein dürfte).
Wow... Sexpartys... uiuiui. Soviel sich bis jetzt sagen lässt (beteiligte Personen wurden bisher noch nicht zitiert, obwohl ein gewisses Boulevardblatt sicher schon auf der heissen Spur nach diesen ist), ist dabei niemand zu Schaden gekommen, wurden keine Gesetze verletzt und wo Vorschriften nicht eingehalten wurden (bei der Verwendung einer Loft ohne Gewerbeschein), da wich Richard schnell aus.
Trotzdem: seine Politkarriere ist fürs Erste mal vorbei. Von Links bis Rechts wurde auf ihn eingeprügelt und sogar seine eigene Partei betonte, dass «Fabien Richard unsere Wertvorstellungen nicht mehr glaubhaft vertreten kann – auch wenn sich die Ereignisse auf seine Privatsphäre beziehen».
Diese Verteidigung und das Fallenlassen von Richard war völlig klar, hiess es doch von der SP zum Beispiel: «Das ist eine riesige Heuchelei. Herr Richard spielte sich als Apostel der Sicherheit auf und dann das!» (Roger Nordmann, SP Waadt), wobei man sich durchaus fragen muss, in wie fern diese Sexparties die öffentliche Sicherheit gefährdet haben sollen.
Unappetitlich? Ja, in den Augen vieler (zumindest, wenn man sie fragt). Unmoralisch? Kommt darauf an, in welcher Situation sich die beteiligten Prostituierten befanden und wie diese entschädigt wurden. Aber gefährlich und seiner politischen Tätigkeit widersprechend? Eigentlich nicht.
Besässe Fabien Richard Anteile an einem taiwanesischen Elektronikkonzern, in dem sich Leute aus Verzweiflung umbringen, weil sie so mies bezahlt sind, es würde zumindest aus dem rechten Politspektrum keiner etwas sagen. Und die auf der linken Seite würden zuerst ihr iPhone verstecken, bevor sie zur Moralpredigt anhöben.
Sexuelle Ausbeutung ist etwas Schreckliches, daran gibt es keinen Zweifel. Doch diese ist nur eine weitere Form der Ausnutzung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gefälle, genau so wie die sklavenmässige Ausnutzung von Wanderarbeitern bei der Herstellung unserer Konsumgüter ein Verbrechen ist.
Bei Richards Tätigkeit wissen wir dabei gar nicht, wie er die beteiligten Frauen behandelt hat – ein Urteil ist eigentlich nicht möglich. Die Verurteilung durch die Gesellschaft hingegen schon, denn Sex und Geld, das geht einfach nicht zusammen. OK. Wenn eine Ex-Miss einen Fussballer heiratet und diesen nach dessen Karriereende sitzen lässt, um sich einen alternden Unternehmer zu angeln, der sich mit Frischfleisch schmücken will, nachdem er seine ebenfalls alternde Ehefrau entsorgt hat, dann ist das O.K., und in der SI gibt es eine tolle Home-Story, denn diese Art des Sex-Verkaufs ist ja gesellschaftlich legitimiert.
Versucht man dieses ganze Getue aus einer weiter entfernten Warte zu betrachten, wird Richards Handeln sogar stringent und logisch, in unserer heutigen Gesellschaft. Der Mensch wird von Politik und Unternehmen zunehmend als Produktionsfaktor bewertet. Jeder muss dass auf den Markt werfen, was er oder sie bieten kann. Und wenn eine junge Frau vor allem gutes Aussehen und Gleichgültigkeit gegenüber wahllosen Sexkontakten bietet, dann findet sie auch einen Markt dafür. Fabien Richard war dabei der Vermittler, der Anbieter und Kundschaft zusammen brachte.
Doch bei Sex wird auf einmal völlig klar, dass es auf dem Markt darum geht, sich selbst zu verkaufen. Genau das wird ja auch gefordert, wenn Arbeitslose gefälligst «jeden Job machen sollen» und «sich nicht zu Schade sein auch für schlechte Stellen».
Wie gesagt: Richard zu verurteilen ist eigentlich lächerlich. Sein grosser Fehler war es, sich im Sex-Gewerbe zu betätigen. Dabei gibt es doch so viele Gebiete, wo man Menschen moralisch völlig akzeptiert ausbeuten kann, ohne sofort den Pfui-Reflex auszulösen.