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Kolumne


Die Schweiz: Ein Land für sich

von William Kern (Übersetzung Patrik Etschmayer) / Montag, 19. Juli 2010

Es macht mir als amerikanischen Journalisten keine Freude, dies zuzugeben, aber im Grossen und Ganzen sind meine Landsleute ziemlich isoliert wenn es um globale Politik geht. Trotz der unverkennbaren und immer weiter wachsenden Vernetzung der modernen Welt hält sich bei uns immer noch eine Art von Insel-Mentalität. Aus was für einem Grund auch immer war ich schon in jungen Jahren altklug, was die Aussenwelt anging und ich hatte schon damals sehr bestimmte und positive Eindrücke von der Schweiz.

Ich wuchs in Brooklyn, New York, während der 60er-Jahre auf und meine frühesten Vorstellungen der Schweiz waren jene, die man sich von einem blauäugigen Kind erwartet: Ein bergiges Land wo Leute jodeln; eine kleine Nation, die irgendwie funktionierte, mit drei offiziellen Sprachen, ein Ort, der sehr sauber war und wo alle Uhren immer pünktlich eingestellt waren; ein Ort, wo man, wenn man zu Geld gekommen war, es sogar vor seinen Eltern verstecken konnte, ohne Fragen gestellt zu bekommen (etwas, das ich, ohne irgendwelche kriminelle Energie zu erwägen, für eine tolle Idee hielt); das Land, das der Welt das «Rote Kreuz» gegeben hatte und sich weigerte, bei bewaffneten Konflikten Partei zu ergreifen – ein «neutrales» Land.

Für mich bedeutete dies damals, dass die Schweiz den Krieg verabscheute – und schon alleine dies machte sie bewundernswert. Die Idee, dass Neutralität ein Zeichen der Feigheit oder Habgier sein könnte, wie manche argumentieren, fiel mir damals nicht ein.

In meiner Jugend klaubte ich Hinweise auf die kriegerische Vergangenheit der Schweiz auf, so, als ich eines Tages beim Fernseh-Schauen erfuhr, dass der Papst eine Schweizer Garde hat – ein merkwürdiger und interessanter Fakt, der mich dazu brachte in unserem Lexikon den Grund dafür raus zu finden. Wie ich erfuhr, sei die Schweiz im 16. Jahrhundert recht arm gewesen und Schweizer galten als exzellente Söldner.

Ein paar Jahre später, während eines Praktikums im U.N. Hauptquartier in New York, erfuhr ich, dass die Schweiz vielleicht neutral war, aber keineswegs nicht vorbereitet, sich zu verteidigen. Sie bewahre ihre kostbare Neutralität durch das Aufrechterhalten einer grossen Militärmacht, welche die Wölfe des Krieges seit dem Wiener Kongress von 1815 ferngehalten habe. Es wurde gesagt, dass die Schweiz die Neutralität im 2. Weltkrieg bewahrt habe, indem sie sich gut vorbereitet und sich effektiv mobilisiert hätte, was Hitler überzeugt habe, dass eine Invasion der Schweiz zu kostspielig gewesen wäre. Natürlich sollen damit nicht die Einwände einiger meiner Verwandten, welche die Kollaboration der Schweiz mit dem Nazi-Regime erwähnten, negiert werden. Aber den Nazis im Herzen Europas entgegen zu treten, während ein grosser Teil der Reichtums des Kontinents eingelagert worden war, war eine grosse Leistung, die sowohl Verstand als auch Mut erfordert hatte.

Was die Amerikaner allerdings in den letzten Jahren über die Schweiz hörten, war nicht sehr schmeichelhaft. Als ein Journalist, dessen Aufgabe es ist, den Amerikanern zu zeigen, was der Rest der Welt wirklich über die USA denkt, versuchten wir, auch die Schweizerische Wahrnehmung dieser Nachrichten zu zeigen, die vielfach Empörung in den USA ausgelöst haben.

Bei Worldmeets.US übersetzen wir Artikel über die USA aus der ganzen Welt und dabei natürlich auch aus der Schweiz. Neben «Le Temps», «Tribune de Genève», «Tagesanzeiger» und «Corriere del Ticino» ist auch news.ch/nachrichten.ch eine wichtige Quelle für die Schweizerische Wahrnehmung der Dinge, vor allem auch wegen der Kolumnen, die sich vielfach mit den USA beschäftigen. Und es war sehr interessant und lehrreich herauszufinden, was die Schweizer wirklich von uns Amerikanern halten.

In den vergangenen Jahren übersetzten wir Artikel der Schweizer Presse über den durch Sex ausgelösten Sturz des New Yorker Gouverneurs Eliot Spitzer: «Amerikanische Politik ohne Sexskandale ist fast undenkbar. Dabei verteilen sich die gefallenen Sünder fast gleichmässig auf die beiden grossen Parteien.»; über den Ärger über CIA-Aktivitäten und U.S.-Einfluss, der zu meiner Verblüffung als so ausser Kontrolle wahrgenommen wurde, dass die Schweiz auch gleich der 51. Staat der USA hätte sein können: «Die Folgsamkeit, mit der der Bundesrat offensichtlich Anweisungen aus den USA ausführt, ist erschreckend. Wie souverän ist unsere Landesregierung? Warum nicht gleich als 51ster Staat den USA beitreten? Dann wüsste man wenigstens, wo die Regierung sitzt.»; und über die Weisheit – oder der Mangel der selben – Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis während seines ersten Amtsjahres zu verleihen: «Ist das Nobelpreiskomitee auf seinen kollektiven Kopf gefallen? Den angesehensten Preis der Welt an einen Amerikanischen Präsidenten zu verleihen, der kaum begonnen hat? An einen Barack Obama, der nicht nur noch keine Zeit hatte, seine noblen Prinzipien zu implementieren, sondern der nun auch noch begonnen hat, sogar seine stärksten Unterstützer zu enttäuschen?»

In den Archiven von worldmeets.us waren es ganz klar zwei Stories, die am meisten Interesse an der Schweiz geweckt haben.

Als erstes war es der Fall UBS, der, Schweizer Presseberichten zu Folge, den Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses eingeläutet hat: «Die Herausgabe der Kundendaten an die Steuerbehörden der USA von letzter Woche war der eigentliche Startschuss, war der berühmte Anfang vom Ende... Dabei wird das Bankgeheimnis mit grosser Wahrscheinlichkeit auf der Strecke bleiben – ob uns das gefällt, oder nicht.» und «Die von den UBS-Vertretern bis ins Jahr 2008 hinein demonstrierte Energie, hier Gesetze eines anderen Landes - einer Demokratie wohlgemerkt - zu brechen, ist verblüffend, ja schockierend.»

Der Niedergang des Schweizer Bankgeheimnisses hat mich als Amerikaner traurig gemacht. Ich habe nach den Gründen gesucht, warum, und ich weiss auch von der dunklen Seite dieses Angebotes, dass viel von dem in den Schweizer Banken versteckten Geld unrecht erworben war. Vielleicht ist es mein sehr eigenes Missfallen mit dem fast vollständigen Verlust der Privatsphäre in der Welt in der wir heute Leben. Aber noch wahrscheinlicher liegt der Grund darin, dass ich, wie fast jeder, der je von einem «Schweizer Bankkonto» gehört hat, gerne eines gehabt hätte, dass auf einen wartete – für den Fall der Fälle.

Und dann gibt es noch die Story, die ganz vorne ist: Der Haus-Arrest von Regisseur Roman Polanski, der monatelang auf seine Auslieferung in seinem Chalet in Gstaad aufgrund einer Jahrzehnte alten Verurteilung für die Vergewaltigung eines dreizehnjährigen Amerikanischen Mädchens wartete und jetzt wegen einer Formalität freigelassen wurde: «Die Verhaftung von Polanski hat Konsternation und Unverständnis, sowohl in der Schweiz, wie im Ausland, ausgelöst... viele waren von der strickten Befolgung der Forderungen der Amerikanischen Justiz überrascht.»

Auch hier drehte sich die Debatte eher darum, ob Berns Entscheidung, Polanski verhaften zu lassen, darauf hinwies, dass Washington zu viel Einfluss hat, als ob der Mann für die Vergewaltigung einer Minderjährigen bestraft werden sollte. Wie schon im Fall UBS deutete dies auf einen Einfluss der USA auf die Schweiz, dessen ich und auch meine Landsleute bis vor kurzem völlig unbewusst waren.

Die Schweiz, dies ist nun bekannt, kollaborierte, vielleicht aus Gründen der Selbsterhaltung, mit den Nazis, als es darum ging die europäischen Juden und auch andere zu plündern. Die Schweiz war ein Ort, wo Kriminelle gewaschenes und gestohlenes Geld versteckten. Und einige Banken sind völlig ausser Kontrolle geraten und haben den Amerikanischen Steuerzahler betrogen (obwohl sie nach jüngsten Erkenntnissen dabei nicht alleine waren).

Aber die andere Seite dieser Buchführung ist viel gewichtiger. Die Schweiz ist ein spezielles Land, ein Land für sich. Der Schweiz wird von den meisten Ländern als Gesprächspartner vertraut – im Westen und Ausserhalb. Sie ist zum Beispiel Amerikas einziger offizieller Vertreter in Nordkorea. Die Schweiz sitzt mitten in Europa, hat sehr gute Beziehungen zu seinen Nachbarländern und ist doch nicht Mitglied der EU; sie hat zwar eine gut bewaffnete Armee und kann sich verteidigen, aber hat seit fast 200 Jahren keinen Krieg mehr geführt; und wegen Organisationen wie dem roten Kreuz verkörpert die Schweiz einige der edelsten Tugenden zu denen die Menschheit strebt.

William Kern ist Gründer, Chefredaktor und Geschäftsführer von Worldmeets.US, einem non-profit Journalismus-Projekt mit dem Ziel, Amerikanern zu zeigen, was der Rest von der Welt von den USA denkt. Ausserdem soll ein respektvoller Dialog und Beziehungen zwischen Amerikanern und Menschen anderer Nationen etabliert werden.


Links zum Artikel:

World meets US Die Website, die William Kern betreibt. Sehr interessant für alle die, die wissen wollen, was in Arabien, Asien und Afrika gedacht und geschrieben wird.

Der Artikel über Eliot Spitzer Der erste im Text zitierte Artikel - Link zum Originaltext am Ende des Textes

Obamas Nobelpreis Die Übersetzung aus Le Temps mit link zum Original-Artikel

Die Verhaftung Polanskis Die Übersetzung aus Le Temps mit Link zum Original-Artikel

Der 51. Staat Kolumne von nachrichten.ch auf Worldmeets.us mit Link zum Original

Kolumne zum Bankgeheimnis Kolumne von nachrichten.ch auf Worldmeets.us mit Link zum Original

Kolumne zur UBS Kolumne von nachrichten.ch auf Worldmeets.us mit Link zum Original




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