Nadja Bucher / Montag, 26. Juli 2010
Der Autorin wurde das Thema Schweiz zum Inhalt dieser Kolumne angeraten. Die Verfasserin des Textes, nennen wir sie der Einfachheit halber Ich, lebt in Wien ist dadurch verdächtig zur Aussenansicht auf die Schweiz fähig zu sein.
Darüber hinaus wollte es der Zufall, dass Ich vor kurzem in Basel weilte und Material, wert berichtet zu werden, vorfand. Ich wird sich ergehen in Gegenüberstellungen von «wir» und «die», von «besser» und «schlechter», von «dort» und «da». Ich geht trotz Anwendung dieses abgedroschenen Typus davon aus, auf noch nie zuvor besprochene Unterschiede gestossen zu sein.
Allerdings mutet es wenig raffiniert an, auf Unterschiede in zwei grundwegs ungleichen Städten wie Basel und Wien zu stossen. Viel eher wären Gemeinsamkeiten bemerkenswert. Es muss allerdings voraus geschickt werden, dass Ich keine mit allen Wassern gewaschene Weltenbummlerin ist. Ich ist eine Wienerin und Wiener verlassen bekanntlich selten und dann ungern ihre Stadt, über die sie Vollzeit, fast mag man glauben erwerbsmässig, schimpfen. Und wenn Ich wider erwarten mal ins Ausland gelangt, selbst in ein so nahes wie die Schweiz, dann fallen ihr natürlich sofort Verschiedenartigkeiten auf, abgrundtief wie Rhein und Donau, Münster und Stephansdom, wie Fasnacht und Faschingsdienstag.
Dann fällt ihr sofort das abweichende Fahrverhalten Basler AutolenkerInnen ins Auge. Am zweiten Besuchstag bemerkt Ich eine weitere Differenz in diesem Zusammenhang: fehlende Ampeln im gesamten Altstadt- und Kleinbasel-Bereich. Ich manövriert sich um lässig entspannte FussgängerInnen, RadfahrerInnen jedweden Alters und ist entzückt von den rücksichtsvollen PKWs, die im Schritttempo anderen VerkehrsteilnehmerInnen den Vorrang lassen und bereits 1,5 Meter vor einem Zebrastreifen zum Stillstand kommen. Shared Space, ein Verkehrskonzept, das bei Wiener GemeindepolitikerInnen als Schreckgespenst die Runde macht, wurde in Basel bereits zur allgemeinen Zufriedenheit umgesetzt. So Ichs Eindruck.
In Wien hingegen wird noch über unvermeidliche Horrorszenarien debattiert. Zitat Bezirkszeitung: «Gemeinsame Fläche? Eine Gefahrenquelle!» Auf einem 500 Meter kurzen Teilstück der Mariahilfer Strasse (größte Einkaufsmeile Österreichs) sollte diese neuartige Verkehrsphilosophie erprobt werden und stieß bei SPÖ (rot) und ÖVP (schwarz) prompt auf heftigen Widerstand. 70% der Straßenfläche müssen natürlich weiterhin und von vornherein für fahrende und parkende Autos reserviert bleiben.
In Wien hat noch immer die/der Recht, die/der einen SUV fährt. Ohne Rücksicht auf CO2-Ausstoss und andere StraßenbenützerInnen. Deshalb erklärt man in Wien ein Konzept für unmöglich oder lediglich für verkehrsarme Randzonen passend (Zitat Bezirkszeitung: «bewährt sich schon in Wohnstrassen, in denen Anrainer-PKW auf dem Weg zum Parkplatz oder zur Garage rollen. Es ist aber nicht für einen Einkaufsboulevard geeignet»), das in anderen Städten flächendeckend vorbildlich funktioniert. In Basel jedenfalls geschieht das Unmögliche des Shared Space tagtäglich. Gesamtwirkung: ein aggressionsfreies, entschleunigtes (Ich weiss, schlimmes Zeitgeistwort) Lebensgefühl, keine vollgeparkten innerstädtischen Plätze, weniger Abgasmief.
Apropos Frischluft: Die Hundescheissehäufigkeit in Basel ist ungleich geringer als in Wien. Aber HundebesitzerInnen sind wie AutofahrerInnen, sie verursachen mehr Gebell und mehr Gestank. Deshalb werden sie auch als WählerInnen stärker wahrgenommen. Ich war jedenfalls begeistert, erhobenen Hauptes auf Fachwerkshausfassaden starren zu können, ohne beinabwärts in Kot staken zu müssen.
Ichs Fazit: schön war´s. Aber gut wieder in Wien zu sein. Da schimpft sich’s einfach besser.
Nadja Bucher. Wienerin. Kommt vom Poetry Slam und der gesprochenen Sprache, die starke dramatische Einschläge hat, geht über Kurzgeschichten zum Roman. Hält seit 2007 gemeinsam mit Mieze Medusa und Markus Köhle die monatliche Lesebühne DOGMA CHRONIK ARSCHTRITT am Badeschiff Wien ab. Neueste Veröffentlichung: How I fucked Jamal, Milena Verlag, 2010