von Nadja Bucher / Freitag, 30. Juli 2010
Österreich ist ja bekannt für seine xenophoben Neigungen (auch für anderes, nicht ganz so astreines Verhalten, Stichwort: Kellerbau). Aber ÖsterreicherInnen, speziell WienerInnen, hätten zu Ausländerfeindlichkeit noch weniger Grund als andere Menschen, findet Ich. Denn jegliche BewohnerInnen irgendeines Auslands sind freundlicher als die in Österreich, speziell in Wien, ansässige Bevölkerung.
Ich hatte während ihres Baselaufenthalts Anfang Juni eine diesbezüglich ungeheuerliche Begegnung. Sie betrat eine Konfiserie ihrer Wahl, die Verkäuferin blickte ihr in die Augen, grüßte, lächelte, erkundigte sich nach Ich’s Begehr, bediente sie.
Eine höfliche Kühnheit, die Ich in Wien schon jahrelang nicht mehr passiert war. Dann aber, noch als Ich bereits Pralinen und Schokoladentafeln bezahlt und eingesackt in Händen hielt, soeben daran war den Laden zu verlassen, forderte die Verkäuferin sie zur Verkostung süsser Leckereien auf. Einfach so. Aus Freundlichkeit. Denn Ich war so offensichtlich Touristin und zum Nimmer-Wiedersehen verdammt, eine Investition in Ich als Kundschaft folglich monetär wenig sinnvoll. Ich war dermassen verunsichert, sie fragte zwei Mal nach, ob sie auch wirklich richtig verstanden hätte. Die Verkäuferin reichte ihr aber tatsächlich, nachdem Ich ihren Finger verdutzt an die Glasvitrine gelegt und somit auf eine sich dahinter befindliche Köstlichkeit gezeigt hatte, eine Greifzange mit eben jener gewünschten Praline entgegen.
Ich steckte die Genusskugel in den Mund und noch während sie eins mit dem Schokoschmelzen auf ihrer Zunge wurde, machte die Verkäuferin sie auf einen vor dem Geschäftsausgang, daher im Weg stehenden Kinderwagen aufmerksam, um ein mögliches Stürzen von Ich zu verhindern. Ich war fassungslos. Ob des Pralinengeschmacks, der Freundlichkeit, der unbegründeten Angst der ÖsterreicherInnen vor dem Ausland. Aber die/der ÖsterreicherIn liebt eben Furcht, böse Unterstellung und schlechte Nachrede.
Was Ich gleich zum Rauchen bringt. In Basel selbstverständlich geregelt, blüht in Österreich, dem Land der Revoluzzer, bei diesem Thema noch immer Widerstandsgeist auf. Wie bei allen völlig nebensächlichen Dingen, z.B. Hundescheiße wegräumen (Stichwort „nimm ein Sacki für dein Gacki“), fehlender Kindersitz im 50.000 Euro Wagen und Handytelefonieren während des Autofahrens. Da „loss ma uns nix vurschreibm“, sagen die ÖsterreicherInnen gerne selbstbestimmt.
Aber bei Bankenrettungspaketen, Transparenzdatenbanken, ausbleibender Transaktionssteuer, Vermögenssteuer, Aktiengewinnsteuer und fehlendem Demokratieverständnis, da bleiben sie recht stumm, untertänig und geniessen die Bevormundung. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Ichs Fazit: schön war´s. Aber gut wieder in Wien zu sein. Da schimpft sich’s einfach besser.
Nadja Bucher. Wienerin. Kommt vom Poetry Slam und der gesprochenen Sprache, die starke dramatische Einschläge hat, geht über Kurzgeschichten zum Roman. Hält seit 2007 gemeinsam mit Mieze Medusa und Markus Köhle die monatliche Lesebühne DOGMA CHRONIK ARSCHTRITT am Badeschiff Wien ab. Neueste Veröffentlichung: How I fucked Jamal, Milena Verlag, 2010