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Kolumne


Danke Hiroshima, danke Nagasaki!

von Patrik Etschmayer / Freitag, 6. August 2010

Als vor 65 Jahren, um 8 Uhr 15 und 43 Sekunden die Atombombe «Little Boy» 580 Meter über Hiroshima detonierte, begann ein neues Zeitalter. Das ist das einzige, worüber man sich einig ist. Denn schon darüber, ob man die Bombe als Warnung besser vor der Küste hätte hochgehen lassen sollen, oder ob das Vernichten einer vor allem von Zivilisten bewohnten Stadt irgendwie zu gerechtfertigen war, sorgt noch heute für wütende Diskurse.

Dabei sind all die Argumente, die über das, was passiert ist, hinaus gehen, fruchtlos: Geschichte, die nie stattfand, lässt sich nicht überprüfen. Ob bei einem konventionellen Krieg mit dem X- und Y-Day, wobei der X-Day die Invasion der südlichen Hauptinseln Kyushu und Shikoku am 1. November 1945 und der Y-Day die Invasion der Nordinsel Honshu am 1. März 1946 gewesen wären, mehr Zivilisten das Leben gekostet hätte, als in Hiroshima und Nagasaki zusammen, ist gut möglich. Ebenso, dass Hungersnöte weitere zivile Opfer gefordert hätten.

Die US-Verluste wären garantiert höher gewesen. Doch wie gesagt. Der Jahrestag der nuklearen Apokalypse hat viele Facetten. So zum Beispiel jene, dass gerade diese Opfer, von denen an jenem Morgen zum Teil nur noch ein Schattenriss auf einer Mauer übrig blieb, unzählige andere Menschen gerettet haben könnten.

Nach dem zweiten Weltkrieg stolperte die Welt fast ansatzlos in den kalten Krieg hinein, wobei an vielen Orten durchaus «heisse» Stellvertreterkriege geführt wurden. Doch zum ultimativen, vernichtenden Showdown kam es nicht, da die atomare Abschreckung doch funktionierte (auch wenn jetzt bekannt ist, dass falsche Alarme zur Katastrophe geführt hätten, wenn einzelne Offiziere sich an die Vorschriften gehalten und nicht etwas länger gewartet hätten, bis klar war, dass der Alarm ein blinder war).

Ein wichtiger Grund, warum die Abschreckung funktionierte, waren die versehrten Städte von Hiroshima und Nagasaki. An diesen Orten war aus der abstrakten Zerstörung durch das nukleare Feuer das konkrete Grauen geworden. Und dies nicht nur wegen der Vernichtung durch die Hitze und die Druckwelle, die 12 Quadratkilometer der Stadt dem Erdboden gleichgemacht hatte. Auch das Elend der Überlebenden, die in den Tagen und Wochen nach dem Abwurf qualvoll der Strahlenkrankheit erlagen, hatte einen weiteren Schock- und Abschreck-Effekt. Auch für die Militärs, die diese Effekte minuziös Aufzeichneten.

Wie schon oben erwähnt ist es eigentlich müssig, über nicht passierte Geschichte zu spekulieren. Aber vielleicht darf man es, wenn es darum geht, dem schrecklichen Tod tausender Menschen einen Sinn zu geben. Hiroshima und Nagasaki sind hoffentlich der erste und letzte Ort gewesen, wo Atomwaffen eingesetzt wurden. Die Hemmschwelle zum Einsatz von Atom- und danach Wasserstoffbomben wurde durch diese beiden Abwürfe viel höher. Wären diese beiden Städte nicht der nuklearen Zerstörung zum Opfer gefallen, es lässt sich nur schwer spekulieren, was wenige Jahre später bei der Berlin-Blockade oder kurz danach beim Korea-Konflikt passiert wäre.

Bis Hiroshima und Nagasaki war die Atombombe für die Politiker und Militärs einfach der neue, grössere Hammer. Danach war ihnen klar, dass diese Waffe vielleicht einen Krieg gewinnen, aber, wenn sie von beiden Seiten eingesetzt würde, nur Verlierer zurück lassen würde.

So ist es nicht unwahrscheinlich, dass jene Menschen, die vor 65 Jahren verdampften, verbrannten, zerfetzt und verschmort wurden, die im Wasser der vermeintlich rettenden Flüsse verkochten oder kurz danach unter Höllenqualen an der Strahlenkrankheit starben, vielen von uns genau dieses Schicksal erspart haben.

Arigatō gozaimasu, Hiroshima, Arigatō gozaimasu Nagasaki!

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


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