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Kolumne


Ab ins Dschungelcamp?

von Patrik Etschmayer / Montag, 9. August 2010

In der «Ich-mach-was-ich-will»-Gesellschaft, kurz IMWIW, ist es unterdessen Mode geworden, das hedonistische Ausleben von neurotischen Tendenzen als Selbstverwirklichung zu bezeichnen. Dem gegenüber wird das Wahrnehmen von Verantwortung als lästiges Hindernis auf dem Weg zum «ich» gesehen. Diese Einstellung wird am publikumswirksamsten in Casting-Shows zelebriert, wo vielfach mässig talentierte Selbstdarsteller glauben, mit einem eklatanten Mangel an Substanz aber umso mehr Ego, die Welt für sich gewinnen zu können. Oder, noch extremer, schon mit dem Bewusstsein nichts zu können, bei Big Brother in den Container einziehen um dort als personifiziertes Vakuum um die Zuschauergunst zu buhlen.

Die Resultate sprechen denn auch für sich: Die «Superstars» und «Big Brothers» werden in der Folge auf irgendwelchen Bierzelttourneen verwurstet und enden schliesslich in C- und D-Promi-Shows nach dem Muster «Ich hab mir mal eingebildet prominent zu sein, sitze jetzt auf einem Ameisenhaufen, esse Maden und hoffe, dass ihr mich nun raus holt.»

Nun wäre das alles herzlich egal, wenn diese Art des Handelns sich auf das Billig-Privat-TV-Programm und dessen Publikum beschränken würde. Doch unterdessen hat dieser Stil auch in der Politik Einzug gefunden. Wenn unsere Bundesräte einer nach dem anderen mitten in der Legislaturperiode zurück treten und dies vermutlich schon vor Beginn derselben gewusst haben, dann darf man sich fragen, was das eigentlich soll.

Doch in der Diskussion, die mit Moritz Leuenbergers Demissions-Annonce losgetreten wurde und die seit Hans-Rudolf Merz' Ankündigung, auch den Hut zu nehmen, noch wesentlich mehr Fahrt aufgenommen hat, wird klar, dass diese Magistraten vor allem sich selbst im Zentrum ihres politischen Lebens sehen. Nun, mag man einwenden, dass dies ganz und gar menschlich sei. Aber da beginnt das Problem erst richtig: Die Definition, was menschlich ist, ist weniger von ewigen Werten als modischen Strömungen abhängig. Für den Opportunisten Merz wie für den launigen Leuenberger ist die richtige Darstellung ihrer selbst, die Verwirklichung einer persönlichen Agenda scheinbar vor dem Dienen am Staat gestanden.

Der gestaffelte Doppel-Rücktritt hat dies eindeutig an den Tag gebracht. Statt wenigstens eine richtige Doppelvakanz zu ermöglichen, wird Merz im Oktober, Leuenberger im Dezember den Abgang machen. Dies führt dazu, dass sich SP und FDP gegenseitig als Wahlgeisel nehmen.

Nun ja, dies kann noch als parteipolitische Taktiererei betrachtet werden. Doch ob dieser ganzen Ränkespiele geht scheinbar vergessen, dass der Rücktritt von schon wieder zwei Bundesräten ausserhalb der ordentlichen Legislatur die Frage aufwirft, ob ein Bundesratsamt eigentlich ein Ferienjob ist.

Persönliche Animositäten, Profilierungssucht, Verletzung des Kollegialitätsprinzips: Es gibt Zeiten, da scheint es in Bern sieben Primadonnen zu geben, die sich nur allzugerne gegenseitig auf die Füsse trampeln, um ins Rampenlicht treten zu können. Und wenn es keinen Spass mehr macht, dann wirft man den Bettel hin und geht sich ein wenig verwirklichen.

Vielleicht eine kleine Erinnerung ins Stammbuch all jener, die nun auf die Nachfolge spekulieren: Bundesrat zu sein, ist kein elitärer Job. Es ist eine Arbeit, bei der es darum geht, dem Staat und seinen Bürger zu dienen, bei dem im Zentrum steht, das Beste für diese zu leisten. Nicht das Beste für sich. Oder die Partei.

Doch immer mehr scheint die persönliche Agenda der Politiker in den Vodergrund zu treten und die Diener spielen sich als die Damen und Herren des Hauses auf. Es wäre Zeit, dass sie jemand ganz klar daran erinnert, wie es wirklich zu sein hat.

Sonst müsste man sich ernsthaft fragen, ob man ein Dschungelcamp für ungezogene Bundesräte einrichten sollte. Obwohl... für manchen IMWIW-Bundesrat könnte sogar das noch mehr Motivation als Abschreckung sein, einfach wegen der Einschaltquoten.

 Hören Sie sich diese Kolumne auch als Audiodatei (mp3) an (gelesen vom Autor).


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