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Kolumne


China-USA: Respekt, Abhängigkeit, Differenzen

von Peter Achten / Montag, 24. Januar 2011

Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao hat seine Aufgabe in Amerika meisterhaft erfüllt. Mit seinem Auftritt im Weissen Haus in Washington D.C. verlieh er China und mithin sich selbst Gesicht. Zum Abschluss seines Amerika Besuches konnte er sich denn auch grosszügig zeigen. Er versprach in Chicago die Schaffung neuer Arbeitsplätze in den USA durch chinesische Unternehmen. Zudem wurden Verträge im Wert von 45 Milliarden Dollar unterzeichnet. Differenzen in verschiedenen Bereichen – zumal Währung, amerikanisches Handelsbilanzdefizit oder Menschenrechte – bleiben.

In China selbst wird Hus Washington-Besuch mit Genugtuung aufgenommen, hat doch US-Präsident Obama seinen Gast mit allen Ehren eines grossen Staatsmannes empfangen. Mehr Symbolik als Substanz? – so fragt man im Westen. Ohne Symbolik keine Substanz – antwortet man in Asien.

IT-Jungunternehmer Pang Weiwei, 33 Jahre alt, erinnert sich noch gut an seine Studienzeit in Berkley (Kalifornien), als er vor neun Jahren an seiner Doktorarbeit schrieb. Es war zum Zeitpunkt, als in China eine jüngere Führungsgeneration an die Macht kam. Staats- und Parteichef Jiang Zemin und Premierminister Zhu Rongji traten 2002/03 nach einem Jahrzehnt des Wachstums auf Teufel komm raus als erfolgreiche Vollstrecker der von Deng Xiaoping 1979 in die Wege geleitete Wirtschaftsreform zurück. Hu Jintao wurde zum Parteichef und wenig später zum Staatschef gekürt. Gleichzeitig wurde der erfolgreiche Premier Zhu durch Wen Jiabao ersetzt. Das Duo wechselte sacht die Richtung und setzte auf «nachhaltiges» Wachstum und holte mit der neuen Parteilinie einer «harmonischen Gesellschaft» zur Einebnung der wachsenden sozialen Kluft sozusagen Konfuzius an den Tisch des allmächtigen Politbüros.

Beim grünen Tee im Pekinger Haidian-Distrikt, das stolz auch «Silicon Valley Chinas» bezeichnet wird, erzählt IT-Unternehmer Pang lachend, wie damals in Berkley seine amerikanischen Freunde reagierten. «Who is Hu?» fragten erstaunt die Amerikaner. Das Wortspiel geriet zur Schagzeile. Wer Hu war, wurde also gleich medial flächendeckend in Amerika verbreitet. Hu war ein politisches Wunderkind, sozusagen. Als Ingenieur stieg er schon in jungen Jahren in atemberaubenden Tempo die Karriereleiter der allmächtigen Kommunistischen Partei empor. Reform-Übervater Deng Xiaoping holte ihn, noch keine 50 Jahre alt, vom Posten des Parteichefs in Tibet nach Peking. Dort wurde Hu Mitglied des Zentralkomitees, und als Deng ihn für höchste Weihen vorsah, Mitglied des Politbüros, des obersten Entscheidungsorgans und Stellvertretender Staatschef.

Beim Machtantritt Hus waren die Sino-amerikanischen Beziehungen freilich im Sinkflug. Längst waren die Zeiten des Sino-amerikanischen Honigmonds vorbei, als Reform-Übervater Deng Xiaoping vor über dreissig Jahren, als die USA die diplomatischen Beziehungen wiederherstellten, bei seinem US-Besuch mit Cowboy-Hut sich der internationalen Presse stellte. Meilenweit entfernt auch jene Zeit, als Präsident Clinton Ende der 1990er-Jahre das Verhältnis mit Peking als «strategische Partnerschaft» bezeichnete und darauf aufbaute. Differenzen, ja Streit etwa über die Währung, das horrende Handelsbilanzdefizit der USA mit China, über Taiwan, Tibet, die Aufrüstung des amerikanischen Verbündeten Japan und über die Frage der Menschenrechte bestimmten den Ton. Im Hintergrund lauert, so ein Kommentator vor sechs Jahren in einer Shanghaier Zeitung, eine Wiederauflage des Kalten Krieges.

Staats- und Parteichef Hus erste Amerikareise vor sechs Jahren war dann alles andere als ein Erfolg. Jetzt im Januar 2011 – was für ein Unterschied. Voller Stolz weist IT-Unternehmer Pang an einem Kiosk auf die Schlagzeilen chinesischer Zeitungen: «Die beiden Führer weisen auf die symbiotische Qualität der gegenseitigen Beziehungen hin», «Ein neues Kapitel», «Gipfel Hu-Obama: Eines der wichtigsten diplomatischen Ereignisse des Jahres», «pragmatische Kooperation», «Plattform für stärkere Bindung» oder «Hus Besuch ein Riesenerfolg».

Alles geregelt also für eine rosarote Zukunft? Mitnichten. «Gewiss, der Gipfel war ein Erfolg», sagt der 21 Jahre alte Pekinger Student Wen Xiaosong, «doch jetzt kommt es zur Detail-Arbeit, und da wird es dann viel schwieriger.» Für Hu Jintao freilich war der Besuch in Washington ein wichtiger Meilenstein. Im kommenden Jahr nämlich am Parteitag muss er, zusammen mit seinem Premier Wen Jiabao, zurücktreten. Und jeder Kaiser, auch ein roter, will mit einem Vermächtnis in die Geschichte eingehen. Das ist Hu jetzt auch auf dem Parkett der internationalen Diplomatie gelungen, für Peking ist Washington nach wie vor das Mass aller Dinge. Geopolitisch, wirtschaftlich und militärisch.

Interessant ist deshalb, wie in den chinesischen Medien die zeremonielle Seite des Besuches von den 21-Kanonen-Salutschüssen über den Roten Teppich bis hin zum Staats-Dinner positiv herausgestrichen wurden. Hu Jintao und mithin China wurde mit grösstem Respekt Gesicht gegeben, ein Konzept, das vielleicht im Westen nicht ganz verstanden wird, für China jedoch extrem wichig ist. Dass Präsident Obama Staatschef Hu mit einem chinesischen «Huanying!» (Willkommen) begrüsste, fand so in jedem Bericht in den chinesischen Medien seinen zustimmenden, ja bewundernden Niederschlag.

Natürlich ging es beim Washingtoner Gipfel auch ums Eingemachte, schliesslich haben ja Grossmächte ihre ganz eigenen Interessen. Im Kleingedruckten der Medien, sozusagen, wurden denn die Schwierigkeiten, Differenzen und Meinungsverschiedenheiten angesprochen. «Gegenseitiger Respekt und gemeinsame Interessen sind gut», hiess es in einem Kommentar einer Regionalzeitung in Kanton, «aber genauso wichtig ist gemeinsame Verantwortung». Nach dem Gipfel, hiess es in den offiziellen, englisch-sprachigen «Global Times», müssten endlich die «sino-amerikanischen Beziehungen besser definiert werden». Auf der Website von «Renmin Ribao» (Volkszeitung), dem Sprachrohr der Partei, war nachzulesen, dass Washington klar machen müsse, dass China und die USA heute keine Feinde seien und das auch in Zukunft nicht sein werden.

Nach dem Gipfel in Washington kann festgestellt werden, dass die Amerikaner alles richtig gemacht haben: grossen Respekt für die aufstrebende Grossmacht China. In der internationalen Grossmacht-Diplomatie gibt es aber selten bis nie einen «Durchbruch». Die für das 21. Jahrhundert wohl entscheidenden geopolitische Beziehung China-USA wird bei allen Differenzen und über Hu Jintao hinaus mit einer langfristigen Perspektive die Probleme angehen müssen. Das ist mühsam und wenig Schlagzeilen trächtig. Nach den chinesischen Medien zu schliessen, ist auch im Westen die Einsicht gewachsen, dass die gegenseitigen Beziehungen in der globalisierten Welt kein Null-Summen-Spiel sind, und dass es - wie die «Global Times» es formuliert – «in einem neuen Kalten Krieg keine Gewinner geben kann». Mit andern Worten: Washington und Peking sind in hohem Masse voneinander abhängig, wirtschaftlich genauso wie militärisch.


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