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Kolumne


Das Desaster des Jahres: Fukushima

Patrik Etschmayer / Freitag, 30. Dezember 2011

Es war ein Jahr, an dessen Ende es wahrlich nicht einfach ist, das Top-Desaster auszusuchen: Griechenland wäre in Toto ein Kandidat, ebenso Merkozy oder die ganze Schar an Republikanischen Präsidentschaftsbewerbern. Von dem her ist es etwas willkürlich, Fukushima, beziehungsweise die auf unserer Seite der Welt wahrgenommene Version von der Nordjapanischen Atomkatastrophe, auszuwählen.

Doch die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen muss ein echtes Desaster eines sein: Vermeidbar. Ansonsten ist es eine Katastrophe. So waren das 9.0er Erdbeben und der Tsunami, welche weite Teile der Küste verwüstet und unglaubliches Leid verursacht haben, Katastrophen. Doch die Atomkatastrophe in Fukushima Dai Ichi hätte nicht passieren müssen. Ja, sie hätte nicht passieren dürfen.

Was am Anfang als logische Atomkatastrophe angesehen wurde, welche die Schwächen der Atomtechnik an sich gnadenlos enthüllt hatte, stellte sich immer mehr als eine Serie von grob fahrlässigen Fehlern heraus, die aus einer Not-Abschaltung eines AKW's ein Desaster unglaublichen Umfangs werden liess.

So war zum Beispiel durchaus bekannt, dass in dieser Gegend etwa alle hundert Jahr mit einem solchen Tsunami zu rechnen wäre. Ja, es standen alte Stein-Stelen an den Küstenhängen mit der eindringlichen Warnung, nicht tiefer unten zu bauen, da ein Tsunami schon mal alles weggespült hatte.

Dass private Hauseigentümer diese Warnungen missachteten ist, wenn sich nicht mal mehr der Grossvater an den letzten Tsunami erinnern kann irgendwie nachvollziehbar. Dass aber die Betreiber einer Atomanlage die Notstromanlagen nicht ausserhalb der Gefahrenzone oder sicher Eingebunkert anlegen, ist schlicht unglaublich. Dass sie es zudem Versäumen, die Schutzhüllen mit für diese Reaktoren international anerkannten und seit Jahrzehnten erhältlichen Sicherheitsventilen auszustatten (vermutlich um ein paar Milliönchen zu sparen), schlägt dem Fass den Boden aus. Und dass die Atomsicherheitsbehörde von Japan sich scheinbar nicht im geringsten um diese gravierenden Sicherheitsmängel gekümmert hat, ist geradezu surreal.

Das Desaster breitete sich denn über die ganze Welt aus. Dass alle Atomanlagen einer kritischen Überprüfung unterzogen wurden, war nur die logische Folge. Doch schon lange vor diesen Tests waren die Folgerungen in der Politik und Öffentlichkeit bereits gemacht: Bei uns würde die Atomkraft abgeschafft. Doch im Gegenzug verzichteten weder China noch Indien noch sonst welche Schwellenländer auf die Energie aus dem Atom. Was einfach heisst, dass dort, wo die Behörden noch weniger genau auf die Sicherheit schauen als in Japan, jede Menge neue Atommeiler hochgezogen werden. Mit der möglichen Folge, dass in Zukunft auch mehr hoch angereichertes Spaltbares Material in Umlauf kommt.

Unterdessen stehen die Ausstiegs-Fahrpläne fest, aber es vermag irgendwie niemand konkret zu sagen, wie in Zukunft die Europäische Schwer- und Chemieindustrie genau ihre Energie bekommen wird. Vermutlich wird - irgendwie nicht besonders grün - auf fossile Energieträger umgestellt, weil diese momentan immer noch billiger und besser skalierbar als die erneuerbaren Alternativen sind.

Zudem ist der Widerstand gegen Windräder, Solaranlagen, ja sogar Geothermie in der Schweiz fast so gross wie gegen AKW's, ganz nach dem Motto: Ich will keine Kraftwerke, denn mein Strom kommt aus der Steckdose.

So stellt sich derzeit scheinbar niemand die Frage, ob die Folgen für das Weltklima nicht NOCH kostspieliger sein werden als mögliche atomare Folgen. Während sich hier immer noch gewisse Kreise den Luxus ideologischer Diskussionen um die Existenz eines anthropogen Verursachten Klimawandels leisten, oder diese Möglichkeit gleich ganz ignorieren, herrscht dagegen in Australien - einer Nation, deren Reichtum zu einem grossen Teil auf fossilen Brennstoffen beruht, und durchaus Gründe hätte, den Klimawandel zu ignorieren - eigentlich kein Zweifel mehr daran, dass diese existenzbedrohende Folgen haben kann: Jahrelang anhaltende Dürren im Osten und Rekordniederschläge mit Überflutungen im Norden und Westen haben die Diskussionen verstummen lassen. Die Idee, dass Europa nun für einige Jahrzehnte wieder mehr CO2 in die Atmosphäre pumpen wird (zusätzlich zu der in Indien und China immer mehr verheizten Kohle), dürfte die Aussies kaum Entzücken.

Atomenergie war aus politischen Gründen in Europa schon lange ein Auslaufmodell. Aber ein echtes Exit-Szenario war nie erarbeitet worden. Stattdessen wurde mit Übergangsfristen jongliert und Laufzeiten mehr oder weniger Willkürlich verändert - bis nach Fukushima alles hinfällig wurde. Auch jetzt existieren vor allem blumige Zielwerte, deren Realisierung mehr Wunsch als Wirklichkeit sein dürften.

Das Fukushima Desaster hat viele hässliche Facetten: Kontamination, Verunsicherung, politischen Aktionismus, Verquickung von Politik und Industrie... doch eventuell ist jene, welche enthüllte, wie völlig planlos unsere Energiezukunft eigentlich ist, ganz nützlich.

Ausserdem enthüllte dieses Desaster beispielhaft, was momentan alles bei den Verwicklungen von Wirtschaft und Politik, bei Konflikten von öffentlichem und privatem Interessen im Argen liegt. Das Besondere daran war das Ausmass des Desasters, die stetige Enthüllung neuer Versäumnisse, die Serie an Rücktritten und der Mangel an Verantwortung, der fast täglich offensichtlicher wurde.

Und nein, das ist nicht nur in Japan die Regel... diese Art von Desaster ist mittlerweile zur Normalität geworden. Allerdings explodieren diese nicht live im Fernsehen...


 Kommentare lesen (2 Beiträge)
· Sie haben RechtStesonSo, 01.01.2012 13:02
· Weitergehende AnalyseKlausErmeckeSo, 01.01.2012 06:44
» Mitreden


nachrichten.ch 1

SMS als zuverlässiger Kommunikationskanal Es ist nicht das Offensichtlichste, Kurzmitteilungen als Kommunikationsmittel in einem professionellen Umfeld einzusetzen. Das Gefrickle mit den kleinen Tasten lässt schliesslich kein speditives Arbeiten zu. Und überhaupt sind SMS doch was für verliebte Teenies… Fortsetzung




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