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Kolumne


Winterliches Propaganda-Geschmier

Patrik Etschmayer / Freitag, 10. Februar 2012

Es ist ein Phänomen, dass genauer betrachtet werden sollte: Jedesmal, wenn der Thermometer für längere Zeit unter die Null-Linie fällt, erscheint in der «Weltwoche» ein Artikel darüber, dass die Klimadiskussion zu einseitig sei oder die Klimaerwärmung gar nicht statt finde oder - wie jetzt gerade wieder, dass die Debatte unterdrückt werde. Das übliche Propaganda-Geschmier, eben. Dann werden sogleich die immer gleichen, nur in Details ändernden Argumente vorgebracht oder es werden andere Skeptiker, wie «sechzehn angesehene Forscher, die im Wall Street Journal den Klimawandel bestritten» angeführt. Dass unter diesen Autoren auch Leute wie Richard Lindzen sind, der auch bestreitet, dass Rauchen Krebs verursacht, wird ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass nur zwei dieser Wissenschaftler Klimaforscher sind. Auch unterlässst die Weltwoche zu erwähnen, dass das WSJ sich weigerte, einen Widerspruch von 255 Mitgliedern der Nationalen Akademie der Wissenschaften abzudrucken und dann nur einen «Letter to the Editor» von 38 Klimaforschern veröffentlichte, in der diverse Lügen in dem Schmierstück enthüllt wurden und in der Aussage gipfelte, dass diese Wissenschaftler in etwa so qualifiziert seien, Klimaforschung zu diskutieren, wie Zahnärzte als Kardiologen praktizieren sollten.

Es lohnt sich daher, auf die verschiedenen, immer wieder vorgebrachten Lügen einzugehen:

1. «Alles normale Variationen des Klimas!» Das Klima variiert durchaus in bekannten Zyklen - allerdings ist nach diesen der letzte Warm-Zyklus schon vorbei und der Kohlendioxid-Gehalt ist nun höher als in irgend einer Zeit in den letzten 400'000 Jahren und steigt weiter: Das natürliche Maximum war aus dieser Zeit 300 ppm. Heute sind wir auf 380ppm und es zeigt sich keine Neigung einer Verlangsamung des Anstiegs. Soeben ist ein gigantisches (900 km2) antarktisches Eisschelf dabei abzubrechen - Eis, dass seit Millionen Jahren stabil war und erst wir zum Abschmelzen brachten.

2. «Die momentane Wärmeperiode ist ein natürliches Phänomen, wie jene im Mittelater oder im Holozän». Was bei dieser Behauptung nicht erwähnt wird: Jene Perioden brachten nur eine Erwärmung in der nördlichen Hemisphäre und auch dort teils nur lokal. An anderen Orten blieben die Temperaturen gleich oder sanken sogar. Jetzt hingegen steigt die globale Temperatur, nicht die lokale.

3. «Es ist nur die Sonnenaktivität oder der Vulkanismus!» Dummerweise ist die Strahlungsintensität der Sonne seit den 40er Jahren etwas rückläufig und kann daher unmöglich an der Erwärmung schuld sein. Auch Vulkane sind nicht dran schuld, beträgt der Ausstoss von CO2 von diesen doch nur 300 Millionen Tonnen pro Jahr. Jener der Menschen 29 Milliarden Tonnen.

4. «Seit 10 Jahren gibt es keine Erwärmung mehr!» Stimmt nicht. Da 1998 alle Rekorde brach, sah es danach wie eine Abkühlung aus. Aber seit 2002 gehen die globalen Temperaturen wieder rauf. Die 16 heissesten aufgezeichneten Jahre lassen sich alle in den letzten 20 Jahren einordnen!

5. «Letzten Winter gab es viel Schnee.» Zum einen war das nur im Dezember, aber selbst wenn, dann ist dies nur ein lokaler Effekt, der nichts über das Weltklima aussagt. Zudem bringt eine Erwärmung mehr Wasserdampf in die Atmosphäre, was zu mehr Schneefall und Niederschlägen führt. Und zur momentanen Kälte? Während wir hier frieren, ist es zum Beispiel in Peking aussergewöhnlich mild für die Jahreszeit (wie auch von Peter Achten in seiner Kolumne erwähnt).

6. «Es gibt den Klimawandel, aber der Mensch hat nichts damit zu tun!» Das Klima mag noch nicht perfekt erforscht sein, da es extrem komplex ist, aber alle Daten deuten auf den Einfluss des Menschen hin. Der CO2-Ausstoss der Menschen korreliert perfekt mit dem CO2-Gehalt der Atmosphäre und anhand von Radio-Isotop-Untersuchungen lässt sich auch beweisen, dass das Kohlendioxid in der Atmosphäre aus fossilen Brennstoffen stammt. Zudem lassen sich alle anderen Möglichkeiten (kosmische Strahlen, Sonnenstrahlung etc. ausschliessen). Nach irgendwas anderem zu suchen ist Augenwischerei.

7. «Es ist eine Verschwörung der Klimaforscher, um an Gelder ran zu kommen». Dies ist eine jener Ideen, die echt lustig sind. Wenn ein Klimaforscher an Geld kommen will, schreibt er am besten einen «klimaskeptischen» Bericht für eine der grossen Lobbygruppen der Energiekonzerne. Diese Gruppen pumpen seit Jahren Millionen in die Desinformation und in Behauptungen einer Klimaverschwörung. Auch die Weltwoche lässt diesen Quatsch wieder vom Stapel und behauptet, dass sich viele junge Klimaforscher nicht an die Öffentlichkeit trauen. Lustigerweise können sie keinen solchen Forscher - auch nur anonym - präsentieren. Oder gar ein hieb- und stichfestes, mit Fakten untermauertes Forschungspapier. Alles was das Walls Street Journal und eben auch die Weltwoche bringen, sind Zahnärzte die sich als Kardiologen ausgeben.

Wer hingegen nach der Meinung von Forschern fragt, die sich mit dem Klima beschäftigen, findet zu so gut wie 100% eine Bestätigung des Konsenses. Nicht weil dieser Erzwungen würde, sondern weil die Fakten nach deren Prüfung klar sind. Dies nicht weil sie gierig nach Forschungsgeldern wären, sondern weil sie sich ihrer Wissenschaftsethik und den Fakten verpflichtet fühlen.

Das kann zu erstaunlichen Resultaten führen. Als der Klimaskeptiker und Physiker Richard Muller von der University of California in Berkeley mit Geldern der Koch Brüder und der Öl-Industrie die Klimakurven überpüfte und von den Republikanern im Frühjahr 2011 gebeten wurde, vor dem Kongress die Daten zu kommentieren, endete das mit einem Schock für die Konservatien: Muller bestätigte entgegen der Erwartungen der Republikaner die Realität des Klimawandels und der von anderen Wissenschaftlern veröffentlichten Messkurven. Nachdem er die Daten und Fakten überprüft hatte, kam er als Wissenschaftler nicht darum herum, seine Ansichten zu revidieren - und sang nicht das Lieder derer, deren Brot er gegessen hatte sondern jenes der Wahrheit.

Die Weltwoche klagt auch darüber, dass im Gegensatz zu den USA und Australien hier keine neue Debatte stattfinde. Die Sache ist die: die wissenschaftliche Debatte findet statt - und zwar genau wie auch in den genannten Kontinenten. Die unwissenschaftliche Propaganda-Pseudo-Debatte hingegen, die dort von den gleichen Kreisen mit propagiert wird, die auch Kreationismus als Wissenschaft etablieren und den Holocaust aus den Geschichtsbüchern tilgen wollen, die haben wir hier noch nicht.

Dass dies die «Weltwoche» schlecht findet ist zwar etwas traurig. Aber nicht wirklich überraschend. Genauso wenig wie der Artikel darüber.

P.S. Vor Kommentaren bitte die Links anklicken und durchlesen - danke!


Links zum Artikel:

Die Lügen der Klimawandelleugner Demontage der Bild-Zeitung-Lügen über die «Klimaverschwörung»

Ausführlicher Artikel über Klimapropaganda Artikel über die Realität des Klimwandels und die Propaganda gegen die Wissenschaft mit vielen Links (Englisch)


 Kommentare lesen (7 Beiträge)
· Von keinschaf auf den...JonathanDi, 14.02.2012 11:43
· Wie im MittelalterkeinschafMo, 13.02.2012 00:33
· winterliches...mariesuisseSa, 11.02.2012 11:38
· winterliches...mariesuisseSa, 11.02.2012 11:37
· Stimmt genau!SchmanckSa, 11.02.2012 11:30
· Äh klar doch, . . .PacinoFr, 10.02.2012 19:16
· 77'000JasonBondFr, 10.02.2012 14:19
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