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Kolumne


Prähistorische Erbsünde?

Patrik Etschmayer / Freitag, 11. Mai 2012

Sind Sie halbwegs pazifistisch veranlagt, auf die friedvolle Erziehung ihrer Kinder stolz? Verabscheuen Sie Gewalttätigkeiten und bewaffnete Konflikte? Dann gibt es - zumindest was ihre Vorfahren (und allenfalls ihre Nachkommen) angeht - vermutlich einige unschöne Neuigkeiten. Nein, nein, keine Angst, ich werde weder böse über ihre Mutter oder ihren Grossvater schreiben. Sondern über unser aller mehr oder weniger fernen Vorfahren. Denn Wir - Sie, Ich, der Typ im Tankstellenshop und der dicke Teeny, der definitiv nicht das XL-Sandwich kaufen sollte - sind nur hier, weil unsere Ahnen die Vorfahren jener, die nicht hier sind, umgebracht haben.

Dies ist zumindest die Ansicht mancher Anthropologen, die anhand des Anteils, den durch Kriegsverletzungen Getötete an in ausgegrabenen Gräberfeldern gefundenen erwachsenen Toten ausmacht, begründet wird. Vielfach sind dies über 20%, in einem Fall sogar 46%. Diese Anthropologen gehen davon aus, dass diese Zahlen auf die gesamte Bevölkerung jener Zeiten extrapolierbar sind. Geht man von konservativen 20% aus, ergibt sich eine sieben mal höhere Todesrate als zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg, der 3% der Weltbevölkerung das Leben kostete.

Wer nicht umgebracht wurde, muss zwangsläufig zu jenen gehört haben, die das Umbringen durchführten - die Mörder überlebten. Dieses scheinbar endemische, im System verankerte, Jahrtausende lange Morden in Gruppen (das wir auch als Krieg bezeichnen) sei vermutlich ein so grosser Überlebensvorteil im Kampf um Territorien (und somit die alles entscheidende Nahrung) gewesen, dass dies die Menschen - und schon vorher die Menschenaffen - in ihr festes Verhaltensrepertoire aufgenommen hätten.

Als Beweis werden die Raubzüge durch Schimpansen angeführt, welche im Rudel andere Schimpansen-Gruppen angreifen, die im selben Gebiet leben und um Ressourcen konkurrieren: Krieg zu führen sei quasi genetisch verankert und deshalb seien die Chancen, von diesem unmenschlich-menschlichen Verhalten los zu kommen, fast unmöglich.

Dieser als «Deep Roots-Theorie» bekannten Auffassung wird natürlich auch widersprochen. Und die Argumente sind fast gleich gut. «Krieg» sei einfach ein adaptiertes Jagdverhalten, das erst gegen die eigene Art gerichtet werde, wenn es im Überlebenskampf um Ressourcen gehe, eine Abweichung, die nur dann zum Tragen komme, wenn die Existenz der Gruppe gefährdet ist. Das könne auch daran gesehen werden, dass die Kriegszüge unter den Schimpansen sich erst häuften, als deren Lebensraum immer mehr durch den Menschen eingeengt wurde. Zudem sei unter Bonobos, einer anderen Schimpansenart kein solches Verhalten bekannt.

Auch die Interpretation von menschlichen Überresten führt diese Anthropologen zu anderen Schlüssen: Kriegsverletzungen seien erst in den letzten 10'000 Jahren häufig geworden, als sich der Homo Sapiens stark zu vermehren begann und die verfügbaren Reviere daher kleiner, die Ressourcen knapper wurden. Krieg sei also keineswegs genetische Grundausstattung, sondern kulturell angeeignetes Verhalten, das gerne als biologisch unvermeidbar dargestellt werde.

Doch eines können auch die Opponenten der «Deep-Roots»-Theorie nicht leugnen: Dass seit 10'000 Jahren das Morden und Totschlagen fester Bestandteil der Menschheit sind. Der Grund war praktisch immer der steigende Bevölkerungsdruck, der auch als grundsätzliche Erklärung der Massaker in Ruanda in den 90er Jahren dienen kann.

So mag es denn doch keine prähistorische, genetische Erbsünde sein, welche die Menschen zum organisierten Morden bringt, sondern der Kampf um die Ressourcen wegen des immer weiter steigenden Bevölkerungsdrucks.

Der Stress, die damit einher gehende Not - oder auch nur die Furcht davor - führen zu gesellschaftlichen und politischen Spannungen, welche sich derzeit in immer mehr kleineren Konflikten - Grenzstreitigkeiten, Bürgerkriege - zeigen, aber eine generelle Bedrohung für die Zukunft sein könnten.

Geht man davon aus, dass Krieg nicht in unseren Köpfen fest eingebaut ist, ist die einzige Lösung eine Stabilisierung und anschliessende Reduzierung der Weltbevölkerung um ausreichende Ressourcen und Überlebenschancen für alle Menschen zu sichern - ein Konzept dass es leider immer noch nicht in die Schädel vieler Politiker und fast aller Religionsführer geschafft hat. Wenn dies nicht gelingt, ist es leider durchaus möglich dass dereinst unsere Kinder oder Kindeskinder die blutige Fährte unserer Vorfahren wieder aufnehmen müssen.


Links zum Artikel:

Link zu einem Buch eines Deep-Root-Befürworters Edward O. Wilsons The Social Conquest of Earth [Englisch]

Link zu einem Buch eines Deep-Root-Gegners John Horgans «The End of War» (Englisch)




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