et / Freitag, 8. Juni 2012
Ein neuer Gentest soll in einigen Jahren mit ein wenig Blut der Mutter und Speichel vom Vater es erlauben, das Erbgut des Kindes im Mutterleib ohne Gefahren für dieses zu untersuchen. Doch dieser einfach durchführbare Test macht es für Eltern nicht einfacher. Im Gegenteil.
Mehr zu wissen, macht nicht unbedingt glücklicher. Das wusste schon Faust. Mehr über sein künftiges Kind zu wissen - oder wissen zu glauben, kann einen profund unglücklich machen. Denn die moderne Medizin gibt einem Mittel in die Hand, welche zu benutzen fast nicht mehr möglich ist.
Wenn wir zurück blenden, war die Welt von einst zwar um einiges grausamer, aber auch viel klarer. Kranke Kinder - egal wie sehr man sie auch liebte - starben irgendwann. Ein Blick in das alte Rom zeigt Friedhöfe voller Kindergräber, auf denen auch viele «erblich gesunde» Knaben und Mädchen begraben wurden. Und die anderen ... sowieso. Das «Schicksal» spielte damals exklusiv sich selbst in Form von Infektionen, Entzündungen, Parasiten und Mangelernährung. In die Trauer der Eltern mischte sich wohl nur selten schlechtes Gewissen - denn sie hatten es nie in der Hand, ihren Liebling zu retten. Oder Richter über ihn sein zu müssen.
Die medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten von Heute erlauben es, Kindern, die früher schon bei der Geburt oder nach wenigen Lebensjahren gestorben wären, ein teilweise erfülltes, lebenswertes Leben zu geben. Dass dies - wie alles - einen Preis hat, ist klar: die Eltern sind wesentlich mehr gefordert und das weit über die übliche Zeit hinaus und natürlich sind auch die Gesundheitskosten eines solchen Kindes wesentlich höher ... allerdings werden diese bisher nicht in Frage gestellt: Es ist ein Schicksal, welches die Solidargemeinschaft mit trägt.
Doch spätestens mit der Einführung der neuen Analyse-Werkzeuge wird die Macht des Schicksals an die Eltern delegiert. Und an die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, der seit Jahren ein Spardiktat gelesen wird, und die dieses auch gerne nach-plappert.
In diesem Umfeld wird aus dem menschlichen Schicksal und einer - wenn auch behinderten - Person plötzlich einfach ein Kostenfaktor. Und zwar ein grosser. Die Solidargemeinschaft wird sehr schnell unsolidarisch, wenn sie das Gefühl vermittelt bekommt, dass erbliche Behinderungen nur noch ein Egotrip von Eltern wären, die nicht die Konsequenzen aus dem Gen-Test ziehen oder diesen gar nicht erst anwenden wollten.
Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass die oben erwähnten alten Zeiten auch gut gewesen wären. Denn Krankheiten und Behinderungen galten als eine Strafe Gottes und wenn Gott die Eltern mit so einem Kind strafte, führte dies auch oft zu einer gesellschaftlichen Ächtung der Eltern.
Das gleiche Schicksal droht bald womöglich wieder, diesmal einfach mit der Unterstellung des Schmarotzertums gegenüber der Gesellschaft. Die Erinnerung an Eugenik und «unwertes Leben» kommen fast zwangsweise, wenn auch mit neuer Argumentation wieder an die Oberfläche. Wenn plötzlich nur noch perfekte Kinder auch gute Kinder sind und diese gefälligst leicht handhabbar und nahtlos angepasst sein sollen, wird die Toleranz gegenüber jenen, die meinen, auch ein behindertes Kind solle Leben dürfen, rapide schmelzen - aus Kostengründen. (Abschweifender Gedanke: Die Banken- und Finanzkrise wurde nach letzten Erkenntnissen NICHT von Behinderten verursacht ... war aber wesentlich teurer als diese es je sein können).
Die medizinal-technischen Fortschritte der letzten Jahre haben uns rasend schnell überholt und tun es immer noch. Die Fragen von Leben und Tod und vom eigentlichen Mensch-Sein sind dabei, durch finanzielle und kommerzielle Erwägungen unter den Zug geschmissen zu werden, wenn sie nicht schon dort gelandet sind.
Es ist daher ein neuer, humanistischer Blick gefordert, der den Wert des Menschen auch in seinem persönlichen Umfeld als das anerkennt, was er/sie eben ist: jener Teil des gesellschaftlichen Gewebes, der unserer Existenz erst jenen unkäuflichen und unbezahlbaren Wert verleiht, der über Franken, Euros und Dollars raus geht.