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Kolumne


Schicksal wählen?

Patrik Etschmayer / Freitag, 15. Juni 2012

Die Börsen und Banker halten den Atem an. Die Journalisten sowieso. Auch die Menschenrechtsaktivisten. Und die Stimmbürger vibrieren vor angespannter Erwartung auf den Moment, bei dem sie es jenen da oben zeigen können. Schicksalswahlen stehen an. In den nächsten Tagen bereits in Ägypten, in Griechenland und in Frankreich (das schon seit Wochen «Schicksal-Wählen» spielt). Später in diesem Jahr werden - ganz schicksalhaft - die USA an der Reihe sein. Und in diesem Jahr stehen auch noch Wahlen in Island, Mexiko, den Niederlanden, der tschechischen Republik, Rumänien, der Ukraine und Weissrussland an.

Nicht wenigen von diesen wird - wie jenen der kommenden Tage - der Aufkleber «schicksalhaft» an die Urne gepappt und die Kommentatoren werden denn auch dementsprechend hyperventilieren, wenn sie von den Urnengängen berichten.

Doch was wählen die Stimmbürger denn (wenn sie denn eine echte Wahl haben) überhaupt? Wählen sie für oder gegen Programme, Personen, Zustände oder eben Schicksale? Können die ausgetauschten (oder bestätigen) Kapitäne und ihre Mannschaften den überhaupt noch den Kurs der kleinen Staatsschiffchen bestimmen? Oder sind die Wahlen vor allem ein Hype, der veranstaltet wird, um das Gefühl zu erwecken, die Steuerräder in den Präsidentenpalästen und Kanzlerämtern seien tatsächlich noch mit dem Ruder verbunden, während diese längst wirkungslos oder gar fremdgesteuert sind?

Ist man zynisch, wenn man konstatiert, dass der letzte echte Machtwechsel im Westen mit dem Sturz der Monarchien und der Ablösung durch das Kapital stattgefunden hat, während in Russland immer noch die Zaren herrschen und in China die Kaiserdynastien durch einen roten Hof wieder inthronisiert wurde?

Bis vor kurzem gingen die Astronomen von einer homogenen Verteilung der Masse im Universum aus. Erst vor einigen Jahren gelang es mit neuen Messmethoden festzustellen, dass die Massen keineswegs gleichmässig verteilt sondern wie auf Blasenartigen Strukturen angeordnet sind.

Ein neuer Blick auf die Welt würde wohl enthüllen, dass Machtstrukturen keineswegs so simpel sind, wie wir dies gerne hätten (ob wir nun links oder rechts stehen) und unsere Staatsschiffchen zum Teil hilflos auf Strömungen treiben, von denen wir nur wenig ahnen.

Dabei ist es nicht eine Verschwörung, die da durch die Reichen und vermeintlich Mächtigen veranstaltet wird sondern es haben sich über die Jahrzehnte Strukturen gebildet, die aus unseren Standpunkten aus kaum erkennbar sind. Blöderweise zeigen sich diese Strukturen oftmals nur durch ihre Effekte, Effekte die zum Teil schon Karl Marx erkannt hat.

Der Haken an der ganzen Sache ist, dass sich Politiker und Wähler fast immer nur um die Effekte und nicht um die Ursachen kümmern. Dabei graben sich die Strukturen selbst immer tiefer ein, was denn auch zu interessanten und irritierenden Resultaten wie einer immer extremeren Ungleichverteilung von Gütern und Kapital, sowohl auf der lokalen als globalen Ebene führte und führt.

Dass die Eurokommunisten dabei auf der richtigen Spur sind, ist eine Ironie der Geschichte, die man am besten nach zwei Flaschen billigem Rotwein geniessen kann. Vor allem wenn man weiss, dass diese, sobald sie an der Macht sind, genau gleiche Strukturen der Ungleichheit aufbauen, die nach dem unvermeidlichen Zusammenbruch (siehe UdSSR - Russland) gleich wieder Basis für Ausbeutung und noch mehr Ungleichheit bieten.

So wird bei all den anstehenden Schicksalswahlen denn weniger eine wirkliche Richtung bestimmt ... es geht eher darum, mit welchen Streuseln der bitter-süssen Eisbecher der Zukunft dekoriert werden sollen.

Soll man sich also das wählen sparen? Dies sicher nicht. Denn zum Einen sind die Einflüsse einer Wahl im näheren Umfeld stark wahrnehmbar. Und ganz entscheidend ist, dass zum Anderen die Metastrukturen nicht ewig halten. Wird aber nicht an ihnen gerüttelt, wenn sie schon morsch sind, stehen sie länger, unterdrücken und bremsen weiter, obwohl sie schon Trümmer sein sollten.

So sind denn viele «Schicksalswahlen» gar keine, werden nur dazu raufgeschrieben und -geschrien. Doch dazwischen gibt es immer wieder solche, die es vermögen, die Welt zu erschüttern und einen Teil der scheinbar betonierten Realität einzureissen. Und es ist die Chance, an so einer Wahl teilzunehmen, welche Demokratie auch in einer zynischen Welt, wie der unseren, wertvoll macht, auch wenn man im voraus nicht weiss, ob man seine Stimme an einer solchen abgibt, oder nicht.


 Kommentare lesen (2 Beiträge)
· dazu einGefallenaborigenie7Fr, 29.06.2012 16:58
· einGefallenaborigenie7Fr, 29.06.2012 16:38
» Mitreden


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