Regula Stämpfli / Mittwoch, 1. August 2012
Ein Behinderter, eine Ostdeutsche, ein Schwuler und ein Deutscher mit asiatischem Hintergrund betreten eine Schicki-Micki-Bar und bestellen je ein alkoholfreies Bier. Der Barkeeper ist über die Zusammensetzung der Gruppe wie die Art des Getränkes überrascht und fragt: «Was seid Ihr denn für eine lustige Truppe?» Die Frau, etwas pikiert: «Wir sind die deutsche Bundesregierung.»
Als Aktivistin für die Lesben-und Schwulenbewegung, für die Integration von Migranten, für die Frauen und für die Behinderten finde ich diesen Halbwitz alles andere als lustig. Er hatte indessen den Effekt, dass ich über Identität, politische Bewegungen und ihre Repräsentanten nachzudenken begann.
Weshalb passiert es weltweit, dass der progressive Kampf für Frauen, für Behinderte, für Schwule und Lesben, für Migranten dazu führt, Menschen in hohe Ämter zu bugsieren, die sich nie einen Millimeter für Chancengleichheit engagiert haben?
Weshalb darf diese Frage nicht mal gestellt werden, ohne dass ich mich selber mit dem Argument entkräfte: «Genau darum geht es ja bei Gleichheitsfragen. Dass weder Rasse, Geschlecht, Herkunft, Religion und was es noch an Identitäten gibt, eine Rolle spielen.» Stimmt. Zudem: Unterdrückung hat kaum je positive Folgen gezeigt - siehe die tiefreligösen Ägypterinnen, die wohl Jeden steinigen würden, der ihren Töchtern ein Leben ohne schwarzes Grabtuch ermöglichen möchte.
Trotzdem.
Ich spüre ein gewisses Unbehagen. Denn wenn es um Chancengleichheit geht, schreien die Hinterhältigen genüsslich: «Was wollt Ihr noch mehr? Ihr habt ja Euren Behinderten, Euren Schwarzen, Eure Frau, Euren Schwulen, Euren Migranten», um dann noch zusätzlich hämisch grinsend beizufügen: «Und die sind härter als jeder Mann, fremdenfeindlicher (siehe Griechenland) als jeder Rechtspopulist, unbarmherziger als jeder Nicht-Behinderte, weisser als jeder Wallstreetbanker.»
Die Lehre ist immer wieder: Unterdrückung bringt keine Moral hervor. Im Gegenteil. Sie ist der beste Nährboden für reaktionäre, menschenfeindliche Politik. Deshalb sollte in erster Linie für die Veränderung der Bedingungen und nicht für einzelne Biologien oder Identitäten eingetreten werden.
Feministinnen leben schon seit Maggie Thatcher damit, dass sie Frauen fördern, die den Feminismus nicht buchstabieren können und hören trotzdem nicht auf, sich mutig für ihre Schwestern zu engagieren. Sie risikieren an vielen Orten dieser Welt ihr Leben, damit zehn, zwanzig Jahre später eine Frau an die Macht kommt, die alle feministischen Errungenschaften mit «Danke, emanzipiert sind wir selber» verballhornt. Offenbar ist es ein ehernes Gesetz, dass Aufsteigerinnen oder ehemals Unterdrückte sich lieber mit den Unterdrückern als mit den Menschen solidarisieren, die ihnen überhaupt ein Vorankommen gesichert haben.
Mich stört, dass ein behinderter Minister stärker und für alle sichtbar härter mit sich und allen um ihn herum umgeht als Rambo. Mich stört, dass ein schwuler Aussenminister heterosexueller und bünzliger daherkommt als jeder mittelmässige UBS-Banker. Mich stört, dass eine ostdeutsche Frau knallhärtere Politik betreibt als jeder rechtskonservative Macho. Mich stört, dass ein Deutscher mit Migrationshintergrund nationalistischer argumentiert als jeder Stammtischpolitiker in Bayern.
Mich stört nicht, dass Behinderte, Frauen, Schwule und adoptierte Deutsche stärker, männlicher, heterosexuell-normierter und migrationsfeindlicher politisieren, kurz dem Mainstream entsprechen. Problematisch wird dies nur dann, wenn die Frauen-, die Lesben-und Schwulenbewegung, die Migrationsprogressiven nach wie vor mit Argumenten politisieren, die den Widerspruch zwischen Identität und politischer Gleichstellung nicht aufdecken.
Wir alle haben genügend empirische Belege, dass eine Identitätspolitik, die Frauen zu den besseren Menschen, die Behinderte zu Menschen mit mehr Verständnis für Schwäche, die durch gleichgestellte Migranten mehr Verständnis für die Gleichheit aller Menschen erzeugt, die mit Schwulen progressivere Politik verbinden, in der herrschenden Machtverteilung so ziemlich daneben liegen. Denn tatsächlich ist es der Warengesellschaft dank ihrer kulturellen Hegemonie perfekt gelungen, bei vielen Menschen einen Mechanismus zu installieren (beginnt mit rosaroten Schwangerschaftstüchern.), der dazu führt, dass es bereits eine Unverschämtheit ist, wenn diese Produktmenschen «ich» sagen. Deshalb bin ich mehr als skeptisch, wenn nun vor allem bürgerliche Frauen in High Heels es «geil» finden, mit der Quote in Diskussionen und nur für die eigenen Interessen zu punkten.
Die ehemals progressive Identitätspolitik hat sich als Sackgasse entpuppt. Es gibt zwar nun an einigen Machtpositionen Frauen, Schwule, Farbige, Behinderte und andere sogenannte Minderheiten. Doch genau dies sollte uns zu denken geben. Denn sehr oft verhindern genau diese falschen Ikonen jede Art von Gleichstellungspolitik.
Denn nur die Diskussion über politische Positionen statt über Identitäten wird uns in Zukunft weiterbringen. Hier findet dank Technik bereits eine Transformation statt. Fast Jede von uns, die im Internet gross geworden ist, hat schon mal eine andere biologische Identität ausprobiert. Nichts ist einfacher als sich in Chats als jemand anderer auszugeben. Trotzdem lohnt es sich nach wie vor, für Quoten zu kämpfen bis der psychologische Bias, dass weisse, heterosexuelle Bildungsbürger nur Menschen hochkommen lassen, die ihnen ähnlich sind und diese, je länger wir auf die Quote warten, auch unter Frauen, Schwulen etc. finden. Denn wenn weiterhin zehn Jahre nix passiert, werden die sogenannten Minderheiten teilweise an der Macht beteiligt sein, aber ohne diese auch nur ein Mü transformiert zu haben. Die binären Sichtweisen funktionieren nicht nur langlebig und zäh, sondern mittlerweile auch wie eine Gehirnwäsche.
Denn leider müsste man den Witz eigentlich noch folgendermassen erzählen:
«Ein Behinderter, ein Schwuler, eine ostdeutsche Frau und ein asiatisch aussehender Mann kommen in die Bar und bestellen jeder ein alkoholfreies Bier.» «Was seid Ihr denn für eine lustige Truppe?» fragt der Barkeeper. «Wir sind die Vertreter der männlichen, der homophoben, der sexistischen und der fremdenfeindlichen Gesellschaft. Ach ja, und genau deshalb stellen wir die deutsche Bundesregierung.»