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Kolumne


System an der Grenze

Patrik Etschmayer / Freitag, 10. August 2012

Wir können von Zivilisation und Technologie reden, solange wir wollen, davon, wie wir die Natur beherrschen. Doch nur schon die Tatsache, dass wir uns übers Wetter nerven, beweist, wie hilflos wir eigentlich sind. Und noch hilfloser, wenn auf der Welt das Essen knapp zu werden droht. Wer mal schnell «Dürre» suchen geht (und dabei die Suchresultate auf die letzten Wochen eingrenzt), wird von einer wahren Flut von Meldungen überschüttet. Die Hitzewelle in den USA gefährdet bereits einen grossen Teil der Getreide und Maisernte. In Russland werden die Ernteprognosen in eintöniger regelmässigkeit reduziert, die chinesische Yunana-Provinz erlebte die schlimmste Dürre des letzten Jahrhunderts und Südeuropa leidet unter einer Hitzewelle, welche die Bauern zum Teil zwingt, früher zu ernten... wenn es noch was zu ernten gibt.

Der Nahrungspreisindex der FAO nähert sich schon wieder jenem Höchststand, der Anfang 2011 mit für die Aufstände im Nahen Osten verantwortlich war. Entscheidend ist nun, wie sich die Situation weiter entwickelt, wobei momentan leider keine Entspannung in Sicht ist.

Dabei ist nicht primär der momentane Preis das Problem, sondern die Volatilität, die sich in den Preisen seit 2007/2008 zeigen. Die Preise schiessen wild nach oben um dann wieder abzusacken und noch höher rauf zu klettern, wobei das durchschnittliche Niveau tendenziell auch ansteigt.

Nun kann einerseits den Spekulanten die Schuld daran gegeben werden, doch damit greift man zu kurz, denn diese gab es schon in den 90ern. Sie sind - ähnlich wie die so oft zitierten Heuschreckenschwärme - viel mehr Indikatoren dafür, dass hier ein Markt am Rande des Zusammenbruchs steht.

Der durch Erosion und Verwüstung eher schrumpfenden Anbaufläche stehen in vielen Ländern der Welt immer noch wachsende Bevölkerungszahlen gegenüber. Dazu gibt es einen Konkurrenzkampf um die Grundnahrungsmittel: Nicht nur Menschen verzehren Weizen, Soja und Mais: Tiermastbetriebe verwerten Millionen Tonnen von für Menschen geeignete Nahrungsmittel um Kühe, Schweine und Hühner zu mästen. Dazu kommen noch Biotreibstoffe, für die idiotischerweise immer noch Mais verwendet wird.

Alleine diese Faktoren würden schon für einen immer grösseren Marktdruck sorgen. Kommen noch extreme Witterungsbedingungen dazu, kommt das System an die Grenzen. Ernteausfälle oder Missernten haben nicht selten die Weltgeschichte beeinflusst. Die Umbrüche im Nahen Osten sind ein erster Indikator dessen, was auf uns zukommen dürfte - nicht zuletzt, weil die Problemursachen nicht angegangen werden und - selbst wenn dies der Fall wäre - viel zu langsam kämen.

Die fast unmöglichen Lösungen würden eine konsequente Bevölkerungspolitik vor allem in Schwellenländern, eine Einschränkung des Fleischkonsums in den Industrieländern, eine konsequente Abkehr von der Verwendung von Nahrungsmitteln für Biosprit und eine Klimapolitik, die diesen Namen auch verdient, umfassen.

Doch diese Schritte sind in etwa so wahrscheinlich wie eine demokratische Wende in Moskau oder ein Budget-Plus in Griechenland: Vielleicht kommen sie irgend wann... der Autor würde einfach nicht darauf zählen.


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