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Kolumne


Restauration Revisited

Patrik Etschmayer / Freitag, 17. August 2012

Das Leben in einer bestimmten geschichtlichen Epoche hat einen entscheidenden Nachteil für jene, die dann existieren: Sie sind zwar dabei, Geschichte zu machen, aber haben in der Regel keine Ahnung, welche. Dies zu definieren, bleibt zukünftigen Generationen von Historikern überlassen. Ein Versuch, sich selbst geschichtlich zu verorten mag daher zwar töricht sein, doch noch viel törichter wäre es, dies nicht zu tun. Wo und wann sind wir eigentlich? Wie wird unser Zeitalter dereinst bezeichnet werden? Das «Smartphone-Zeitalter», die «Globalisierung», das «Alter des klimatischen Umbruchs» oder, wie schon heute populär, das «Informationszeitalter»? Allenfalls das «Desinformationszeitalter»? All diese Bezeichnungen werden kaum Bestand haben. Es wäre in etwa so, wie wenn man die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts als «Gramophonzeitalter» bezeichnen würde. Allenfalls wäre es Möglich, unsere Zeit als jene der Milleniumkrise zu bezeichnen... zum einen weil es dereinst aus der Retrospektive auf die paar Jährchen zwischen dem Jahr 2000 und dem ersten grossen Crash eh nicht ankommt, und zum anderen weil die Hebel für die Krise genau zu jener Zeit endgültig umgelegt worden waren.

Doch reicht das aus? Wenn wir aus unserer Perspektive auf die Zeiten vor dem 17. Jahrhundert zurück schauen, nehmen wir heute vor allem die grossen Strömungen war, welche die Politik und das Leben der Menschen für Jahrhunderte formten. Mächte die sich neu formierten, die etablierten, die sich verteidigten, Strukturen, die von jenen Menschen, die von Ihnen profitierten (und sei es nur dadurch, dass diese Ihnen nur den Platz in der Welt vermittelten), mit aller Kraft zu erhalten versucht wurden.

Aus dieser Sicht der Dinge ist die (vorwiegend) westliche Geschichte vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs eigentlich die Geschichte des Niedergangs des Feudalismus und der Aufstieg des Bürgertums. Die verschiedenen dramatischen Ereignisse (Französische Revolution und Restauration, März-Revolutionen, Kriege und Umstürze) waren dabei vor allem der Kampf des vertikalen Feudalsystems (welches Hitler tatsächlich noch zu pervertieren schaffte) gegen die Demokratisierung.

Lange Zeit war dieses Kapitel entsorgt und abgeschlossen geglaubt. Aber ist es wirklich so? Die vertikalen Unterdrückungsstrukturen feiern fröhlich Urständ. Obwohl Unternehmensgewinne ständig stiegen, profitierten vor allem die Führungskräfte und Aktionäre davon. Ernüchtert stellte vor einiger Zeit der «Spiegel» fest, dass die Kaufkraft der deutschen Arbeitnehmer seit 1991 im Durchschnitt gleich geblieben, während deren Produktivität stark angestiegen sei.

Gleichzeitig werden Angriffe auf viele Errungenschaften der Sozialstaaten gemacht. Dabei geht es um grundsätzliche Säulen der demokratischen Gesellschaft wie eine qualitativ hochstehende Schulbildung für alle, medizinische Pflege und die Altersversorgung, nicht zuletzt mit der Forderung, diese Dinge gefälligst zu privatisieren.

Dies alles passiert vor dem Hintergrund einer immer extremeren Ungleichverteilung der Vermögen - extrapoliert man diese Tendenzen ergibt sich plötzlich ein fast schon vorrevolutionäres Weltbild mit einer übermächtigen, winzigen Oberklasse und einer Arbeiterschaft, die deren Reichtum mehrt. Diese krass vereinfachte Version der Dinge lässt sehr viele Faktoren aus, wie die Rolle der institutionellen Anleger, die Rolle der Wähler, die selbst ihre Enteignung zelebrieren, indem sie für radikale Konservative stimmen und die durch die Globalisierung nach unten erweiterte Ausbeutungspyramide, die das Trostzückerchen «Aber die arme Sau, die mein iPhone zusammen schraubte ist ja noch viel ärmer dran als ich» liefert.

Die Vision einer von Freiheit, Chancen- und Rechtsgleichheit geprägten Welt bewegt sich wieder aus unserer Reichweite hinaus. Und nicht zuletzt die Demokratie hat so manche antidemokratische Bewegung wieder erstarken lassen, wo das sehnen nach einer starken Führung (fast wie in den Märchen mit einem guten König) zu Korruption und Unfähigkeit bis in die höchsten Ämter führte und führt, wobei diese Demokratie-Cäsaren immer auf die Unterstützung von reichen und reichsten Freunden rechnen können.

Was zur Frage führt: Sind wir wieder in einer Zeit der Restauration angelangt, in einer Zeit, wo das, wofür so viele gekämpft haben, mit einem kurzen Wisch in den Abfallkübel der Geschichte entsorgt wird? Oder ist dies nur eine jener unvermeidlichen Gegenbewegungen, welche es immer wieder gibt und die momentane Krise nur ein Symptom des Zusammenbruchs der alten Strukturen?

Wie schon Anfangs erwähnt: wir haben keine Ahnung, welche Geschichte wir soeben gerade machen. Aber wir haben die Verantwortung gegenüber unseren Kindern und den Generationen danach, das bestmögliche Resultat anzustreben und das Ruder entsprechend zu bewegen und zu hoffen, dass wir das Boot nicht in die Klippen lenken.


 Kommentare lesen (3 Beiträge)
· Schon blödJasonBondDo, 23.08.2012 16:51
· Wenn, dannkeinschafMo, 20.08.2012 03:05
· Auf den Punkt gebrachtJasonBondFr, 17.08.2012 16:56
» Mitreden


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