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Kolumne


Schwein gehabt?

Peter Achten / Dienstag, 18. September 2012

Die Amerikaner mögen Weltmeister im Verschlingen von Hamburgern sein, die Deutschen im Essen von Currywurst und die Schweizer von Cervelats. Doch im Verzehr von Schweinshaxen und andern schweinischen Delikatessen sind die Chinesen die unangefochtenen Champions. Es kommt daher nicht von Ungefähr, dass der Schweinepreis in China Chefsache ist. Derzeit ist menschliche Nahrung billiger als Schweinefutter.

Vor einem Jahr erreichte der Schweinepreis mit 3.50 Franken pro Kilo ein in der Volksrepublik noch nie erreichtes Rekordniveau. Tierseuchen hatten den Schweinebestand reduziert, die Nachfrage - so auch das «bourgeoise» Marktgesetz in der «sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung» - überstieg das Angebot bei weitem, die Preise explodierten. Schweinezüchter in Amerika und Europa jubilierten, denn sie konnten in grossem Stil nach China exportieren. In Peking allerdings klingelten alle Alarmglocken. Inflationärer Druck machte sich bemerkbar. Und nichts fürchten die kommunistischen Mandarine mehr als Inflation und den Zorn der Massen. Lebensmittel machen immerhin rund dreissig Prozent des Konsumentenpreisindexes aus. Darunter spielt eben Schweinefleisch ein wichtige Rolle.

Das ist aber erst der makro-ökonomische Aspekt. Dazu kommen die kulinarischen Vorlieben der Chinesinnen und Chinesen. Neben Reis und Gemüse ist das vor allem Schweinefleisch in allen nur möglichen Varianten. Ein Frühlingsfest, ein Nationalfeiertag oder ein Essen mit Freunden ohne Schweinefleisch - undenkbar. Schliesslich war fettes Schweinefleisch scharf gewürzt nach Art der Provinz Hunan das Lieblingsgericht der «Grossen Vorsitzenden» Mao Dsedong. Auch Reformübervater Deng Xiaoping war kein Kostverächter und liebte Schweinefleisch, allerdings nach Art seiner Heimatprovinz Sichuan.

Das alles weiss auch Qu Liang, schliesslich ist er Koch einer Garküche in der Goldfisch-Gasse im Zentrum von Peking. Er bereitet Schweinefleisch nach Art seiner Heimatprovinz Hunan zu, nämlich saftig und göttlich scharf. Wie für die Regierung ist der Schweinepreis für Qu Liang immer ein Thema. Vor einem Jahr klagte er in bewegten Worten über die Preisspitzen und die Tatsache, dass er niemals, aber auch niemals die erhöhten Preise ganz auf seine Gäste überwälzen könne. Dieses Jahr freilich ist die Lage fundamental anders. Die Schweinepreise gaben immer mehr nach. Das Angebot hat sich stabilisiert, gleichzeitig ist die Nachfrage wegen der moderat schwächeren Konjunktur leicht gesunken. Das Kilo auf dem Markt in Peking kostet derzeit nur noch 14 Yuan, das sind umgerechnet rund zwei Franken. Koch Qu Liang kann aufatmen. Die Preise bei ihm aber sind immer noch gleich hoch wie vor einem Jahr...

Weniger rosig ist die Lage für Wang Ke, der rund 80 Kilometer östlich von Peking eine grosse Schweinezucht betreibt. Sicher, sagt er, die Preise hätten sich mehr oder weniger eingependelt auf tiefem Niveau, nicht zuletzt dank Interventionen der Regierung. Jetzt mache er knapp noch einen kleinen Gewinn. Seit einigen Wochen jedoch sind wegen Dürren in den USA und anderswo die Futtermittelpreise stark angestiegen. Schweinefutter wird nämlich vor allem aus Soya und ein wenig Mais hergestellt. Der Preisanstieg seit Mai war derart steil, dass heute menschliche Nahrung billiger ist als Schweinefutter. So kostete ein Tonne Schweinefutter anfangs September 4'290 Yuan, während Reis pro Tonne 2'826 und Weizen pro Tonne gar nur 2'530 Yuan galt. Auf dem chinesischen Online-Dienst soozhu.com zur Beobachtung des Schweinemarktes äussert sich Analyst Feng Yonghui folgendermassen: «Die Futterpreise sind auf historisch hohem Niveau, sodass sich die Verluste für die Schweinebauern verschlimmern könnten». Für viele Schweinzüchter wird die Luft tatsächlich dünn, einige haben bereits Notschlachtungen durchgeführt. Selbst bei steigenden Preisen, so Schweinebauer Wang, sind derart hohe Futterpreise à la longue nicht zu verkraften. Die Regierung steckt in einem Dilemma.

Als weltweit grösster Produzent und Verbraucher von Schweinefleisch will China bis in drei Jahren mit 85 Millionen Tonnen (derzeit 52 Mio t) zum hundertprozentigen Selbstversorger werden. Während die Regierung noch Anfang August mit Käufen den fallenden Preis stützte, kauft die Regierung jetzt nochmals Schweinehälften, um ihre strategischen Tiefkühl-Lager zu füllen, um so einer sich abzeichnenden Preissteigerung zuvorzukommen und das inflationäre Gespenst zu zähmen. Andrerseits soll die Fleischproduktion bis zur Selbstversorgung angekurbelt werden. Schweinezüchter Wang: «Wenn die Rechnung der Regierung aufgeht und wir einigermassen gute Preise erzielen, haben wir auch wieder Anreize, zu investieren». Analyst Feng sieht derzeit nur einen «moderaten Preisanstieg», weil im Augenblick wieder eine grosse Schweinepopulation vorhanden ist.

Wenn die Lösung dieses vertrackten volkswirtschaftlichen Rätsels tatsächlich gelingen sollte, wären Koch Qu und zig-Millionen Schweinefleisch liebende Chinesinnen und Chinesen der Partei und Regierung mehr als dankbar. Und natürlich auch Schweinezüchter Wang. Er wird dann wohl sagen: «Schwein gehabt!».....


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