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Kolumne


Frankenstorm und Romneys Wunschträume

Patrik Etschmayer / Montag, 29. Oktober 2012

Das Wetter hält momentan die westliche Welt in Atem. Und der Monstersturm an der US-Ostküste stellt interessante politische Fragen, wenn man nur genau hinhört. Eigentlich haben wir's ja gut: Die 30 cm Schnee, die es hingeschmissen hat, verursachten ein wenig Verkehrschaos, einige Blechschäden und vor allem Muskelkater bei jenen, die ihre Schneeschaufeln reaktivieren mussten. Etwas heftiger geht es derzeit in den USA zu und her.

Schon der Hurricane «Sandy» alleine wäre ein monströses Tiefdrucksystem von 1600 km Durchmesser. Doch dieser Hurricane bekommt einen Partner, einen Wintersturm, der aus dem Westen gegen die Küste zieht und in Kombination mit der warmen Tropenluft des Hurricanes das Energiegefälle noch grösser, aus dem Wirbelsturm einen «Frankenstorm» macht, ein Wettermonster, dessen Spitzenwinde zwar etwas schwächer werden, aber starke Winde über eine grössere Fläche ausbreiten wird. Im Landesinneren wird dank der Kaltluft mit Schneestürmen, bis zu 60 cm Schneefall und extremen Schneeverwehungen gerechnet.

Nimmt man noch den anstehenden Vollmond dazu, der die Gezeiten verstärken werde, sieht man hier wirklich das perfekte Rezept für eine Wetter- und Flutkatastrophe, die ein Gebiet, in dem 67 Millionen Menschen leben, bedroht. Die Ostküste ist bereits praktisch lahm gelegt, die Börse von New York ist zu, die U-Bahnen in Washington D.C. und New York stehen still.

Eine politische Dimension hat «Sandy» bereits jetzt angenommen, indem der Sturm das Finale des US-Wahlkampfs kurzerhand verweht hat - einerseits in den Medien, wo fast nur noch vom Sturm die Rede ist, andererseits auch vor Ort, wo sowohl Präsident Obama als auch Herausforderer Romney ihre Wahlkampftermine weiträumig absagen mussten.

Aber selbst darüber hinaus stellt der «Frankenstorm» interessante Fragen zu den Ansichten und Einstellungen der Kandidaten. Um jene des Klimawandels werden sich beide natürlich herum drücken, aber da gibt es jene, die vor allem Romney nicht aufhört zu betonen, jene nach der Rolle des Staates. Der wäre ja, wenn es nach dem Republikaner und seinen Unterstützern ginge, am besten nicht mehr existent - ausser der Armee, die noch mehr Geld bekommen sollte.

Doch ein Ereignis wie nun Sandy stellt diese Forderungen ernsthaft in Frage. Man stelle sich vor, das Rettungswesen und die Feuerwehr wären alle privatisiert. Bei einer Überflutung würde nur gerettet, wer eine Kundenkarte vorweisen kann. Wäre jemand in einem umgewehten Haus verschüttet, blieben die Profiretter weg, wenn die Liegenschaft nicht im Kundenstamm verzeichnet und die letzte Abozahlung geleistet worden ist. Und Notunterkünfte für Evakuierte in Privatschulen? Nein, das geht ja nun wirklich nicht, dass da Kreti und Pleti in der neuen Luxusturnhalle ihre Schlafsäcke ausbreiten!

Natürlich schlägt Romney nichts solches explizit vor - er wäre ein Narr. Doch das Ziel nicht weniger seiner Unterstützer ist die Eliminierung des Staates, mit dem Argument, dass alles andere Sozialismus oder gar Kommunismus sei. Auch Romney selbst betont dies immer wieder. An einem schönen Herbsttag in einem lauschigen Resort tönt das ja womöglich ganz nett und praktikabel. Mitten in einer Sturmflut hingegen dürfte der Gedanke, dass der Retter einen erst nach der Kreditkarte fragt und erst nachher aus den Trümmern befreit, selbst für einen Hardcore-Tea-Party-Anhänger etwas beängstigendes haben.

Der Frankenstorm wird wohl kaum eine Rolle in den abschliessenden Diskussionen um die Präsidentschaft und die Ansichten der Kandidaten spielen, aber es sind genau solche Ereignisse, die einen an den Sinn und Zweck des Staates und der damit eingeforderten Solidarität erinnern, die ein Weiterleben auch nach solchen Katastrophen ermöglicht, wie sie nun womöglich der US-Ostküste bevor steht. Wäre schön, wenn dies dem einen oder anderen bei der Stimmabgabe einfallen würde.


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