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Kolumne


Tamediastan und helvetischer Réduitjournalismus

Regula Stämpfli / Mittwoch, 31. Oktober 2012

Jeder Furz - entschuldigen Sie die Fäkalsprache* - ist es den hiesigen Onlineportalen oft wert, rapportiert zu werden. Umso erstaunlicher, dass das «Jahrbuch zur Qualität der Schweizer Medien» überhaupt keine Beachtung findet. Journalisten lieben ja normalerweise nichts mehr, als ständig sich selber zu kommentieren, über sich selber zu lesen und sich selber unendlich wichtig zu nehmen. Weshalb tun sie dies ausgerechnet dann nicht, wenn sich endlich 480 Seiten nur mit ihnen, ihrer Arbeit, ihrer Qualität, ihrer Zukunft etc. Befassen?

Richtig. Weil die knallharten Analysen den Betroffenen nicht passen, da sie die wesentlichen Schwachstellen des nicht-informativen, teilweise kartellisiert organisierten und monopolmässig agierenden Verlegersystems aufzeigen.

Ja. Es ist so, wie viele unter uns Netzuserinnen und «Digital-Naiv-Natives» wissen: Die Mainstreammedien erfüllen mehr und mehr eine Werbe- statt eine Informationspflicht. Die grossen Verleger sind zu puren Wirtschaftsunternehmen mutiert, die sich um Qualität im Journalismus keinen Deut scheren. Letzte Woche berichtete ich von El Pais und dessen Kasinojournalismus, jetzt könnten wir angesichts der Lektüre des Jahrbuches ohne Probleme von «helvetischem Réduitjournalismus» sprechen.

«Tamedistan», wie der Grosskonzern Tamedia vom Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss auf Facebook treffend charakterisiert wurde, wird aber wohl den Teufel tun, den Qualitätsbericht auch nur mit einem Wort in seinen fast schon monopolmässig organisierten Plattformen zu erwähnen. Viele Journalisten gestehen oft niemand Anderem - ausser sich selber - zu, kritisch zu sein. Die Heftigkeit, mit welcher auf alle eingedroschen wird, die es wagen, den Warmluftgenerator schweizerisches Mediensystem genauer zu analysieren, zeigt, dass die Kritiker den wunden Punkt genau getroffen haben. Und wenn nicht - wie in meinem Fall - diffamiert, falsch zitiert, gephotoshopped, via Googleratings oder sonstigen Plattformen manipuliert wird, werden Nestbeschmutzer gerne durch Tod-schweigen isoliert.

Dies ist nun bezüglich des Jahrbuchs Qualität Schweizer Medien der Fall. Dabei bietet der wissenschftliche Bericht genügend Stoff. Nicht zuletzt auch für die mit der Medienfreiheit beauftragten Politiker. Die Monopoltendenzen der deutschschweizerischen Medien (vor allem im entscheidenden Info-Online-Bereich) unter dem Diktat von Tamedia müssten schon lange diskutiert werden. Doch unter Moritz Leuenberger galt das Diktum «frère et cochon» der sogenannten Linksliberalen und unter Doris Leuthard gilt das Diktum der technokratischen, informationsfreien und entleerten Demokratie, das sowohl Leuthard wie Tamedia perfekt entgegenkommt.

Und seit Roger Schawinski, der traditionelle Kritiker der schweizerischen Medienlandschaft, sowohl durch seine Einbindung in Tamedia (als Kolumnist der SonntagsZeitung) als auch durch seine Anstellung im öffentlich-rechtliche Fernsehen regelrecht stillgestellt wurde, sind alle ziemlich glücklich mit ihrem «Fascht ä Familie-Arrangement». Auch die ganz rechtspopulistischen Grufties haben ja mittlerweile ihre eigenen Blätter à la Weltwoche oder BAZ und treten überquotenmässig häufig mit Roger Köppel und anderen Weltwoche-Männern in den existierenden Kanälen auf.

Was dabei jedoch verloren geht: Ein kritischer Journalismus, der nicht auf billigen Populismus setzt, sondern offen für die entscheidenden gesellschaftspolitischen Diskussionen ist. Dies betrifft alle deutschschweizerischen Medien, inklusive das Schweizer Fernsehen, exklusive die Schweizer Radiokanäle. Der erschütternde Qualitätsbericht zu den Schweizer Medien, der in allen anderen europäischen Demokratien sicher für einigen Wirbel sorgen würde, wird hierzulande einfach als intellektuelle Spielerei eines bald pensionierten Soziologieprofessors entsorgt.

Die Devise unter allen wichtigen Akteuren des Unternehmens Schweiz ist: Keine schlafenden Hunde wecken! Denn sonst müssten sich ja die medienpolitisch organisierten Eliten einige kritische Fragen gefallen lassen..Ha! Im Vergleich zur Medienpolitik ist die Rumschummel-Politik von Ueli Maurer im EVED in einigen Punkten sogar echte demokratische Entscheidungsfindung.. Doch nun zum Bericht: Was haben Imhof und seine Forschungsgruppe, die sich - jetzt halten Sie sich fest - ganz klassisch an schönen Wertbegriffen wie Relevanz, Vielfalt, Sachlichkeit und Einordnung orientieren, überhaupt festgestellt?

Gut schneiden «Echo der Zeit», «Rendez-vous am Mittag», «Radiogiornale» (alle SRG-Radio), NZZ, «NZZ am Sonntag», «Le Temps» und «Corriere del Ticino» ab - deshalb hat die NZZ wohl auch als einzige über das Jahrbuch berichtet..

Schlecht schneiden 20minuten, Telezüri und Blick ab, um nur einige mit Namen zu nennen. Dazu kommt die beängstigende, fortschreitende Medienkonzentration. Lustig war, dass der Bericht zu dem Schluss kam, dass immerhin einige Ereignisse, über die berichtet wurden, tatsächlich relevant waren. Eine Verbesserung zum Vorjahr.

Der Journalismus, der den Namen noch als Qualität verdient, ist eindeutig in Gefahr. Einerseits wegen der Werbeabhängigkeit und der daraus resultierenden Finanzierungs-und Themenprobleme (siehe Zürcher Jelmoli-Geschichte mit Tamedia) und andererseits mit dem Vormarsch des entpolitisierten Konsensjournalismus. Leitmedien sind heute längst Boulevard, was gemäss den Autoren des Jahrbuches dazu führt, dass demokratische Information mehr und mehr politischem Populismus gleicht. Dies ist umso tragischer als dass es in diesem Land einige herausragende Medienschaffende gibt, die jedoch kaum noch Gefässe finden, in welchen ihr Qualitätsjournalismus gefragt ist oder gar bezahlt wird.

Also. Es würde sich lohnen, seiten- und stundenlang über den Qualitätsbericht zu streiten, zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen in einer Zeit, die sich inmitten einer neuen kommunikativen Revolution befindet. In einer Zeit, in welcher sich die Demokratie in Auflösung befindet, in einer Zeit, in welcher Aufklärung Not tut. Aber auch in einer Zeit, in welcher sich die digitale Medienvielfalt auf erschreckende, aber oft auch erfreuliche Art entwickelt. Aber dazu müsste die Schweiz sich in vielerlei Hinsicht öffnen, sowohl wissenschaftlich als auch medial und politisch. Dass dies schwieriger ist als angenommen, stellte Dürrenmatt schon 1991 mit seiner Gefängnisrede fest, die übrigens auch - ganz nach schöner helvetischer Manier - eher totgeschwiegen wurde und wird. Dabei wäre sie - gerade angesichts des Qualitätsberichts - idealer Pflichtstoff für Schweizer Schulen. * Brandes & Apsel ein neuesBuch «Schimpfwörter - Beschimpfungen - Pejorisierungen: Wie in Sprache Macht und Identitäten verhandelt werden» von Hornscheidt, Antje Lann / Acke, Hanna / Jana, Ines (Hrsg.)


Links zum Artikel:

Der «Medienspiegel» zum Jahrbuch Detaillierte Vorstellung des Inhalts des Jahrbuches.

Die NZZ über Imhofs Publikation Ausführlicher Kommentar der NZZ zum Thema

Jelmoli im Klein Report Der Klein Report zur Jelmoli-Inserate-Affäre


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