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Kolumne


Anatomie einer Dünnbrettbohrung

Patrik Etschmayer / Freitag, 9. November 2012

In Frankreich ist die katholische Kirche gerade in den harten Kampf gegen die Schrecken der Homo-Ehe verstrickt und im Windschatten dieser Diskussion geht auch hier wieder die Debatte los, ob Mama und Mama oder Papa und Papa wohl Mama und Papa ersetzen könnten. Und natürlich wird dabei auch bei uns fleissig mit dem Kreuz gewedelt. Da kommt es auf Diskussions-Plattformen dann zu solchen Perlen der Weisheit:
«Homosexuelle Paare könnten ja Kinder zeugen!
Aber adoptieren? spätestens in der Schule würde das Kind wahrscheinlich gehänselt!
Für die Fortpflanzung hat Gott Mann und Frau geschaffen!
Männer die Männer lieben oder Frauen die Frauen lieben, sind zwar ein rechtlich angesehenes Paar, aber sollten nicht gleichgestellt zu hetero Paaren werden!
Das heisst für mich: Keine Heirat. Keine Adoption von Kindern» (sic!)

Den Verfasser und durchbohrer dieses sehr dünnen Brettes belasse ich unter dem Mantel der Anonymität... wobei wohl jeder weiss, der diese Zeilen liest, wie sich die Quelle finden lässt. Das Niveau des Diskutanten und seines Beitrages sind repräsentativ für die Debatte, und schreien geradezu nach einer Obduktion.

Gehen wir doch mal Satz für Satz durch:

«Homosexuelle Paare könnten ja Kinder zeugen!»
Alleine nicht wirklich. Aber Biologie ist nicht wirklich die Stärke in diesen Kreisen...

«Aber adoptieren? spätestens in der Schule würde das Kind wahrscheinlich gehänselt!»
Wo wäre in diesem Fall der Unterschied zu einem von Homosexuellen gezeugten Kind (ja, ist schon klar, dass damit vermutlich Leihmutter-/Vaterschaft gemeint ist)? Was wohl darauf hinweist, dass das Hänseln nicht mit Adoption/Zeugung zu tun hätte. Sondern mit von andern Eltern geförderter Intoleranz oder schlichtem Hass, der Kindern anerzogen würde. Das Problem bei Hänseleien sind in der Regel nicht die gehänselten Kinder.

«Für die Fortpflanzung hat Gott Mann und Frau geschaffen!»
Hach, soviel Quark in so wenigen Worten. Als erstes: Die Prämisse «Gott» ist keine Prämisse. Gott ist für immer mehr Menschen in etwa so real wie der Osterhase, Frodo aus Herr der Ringe oder Lorenzo Leutenegger (oh, der IST real? Tschuldigung!!) Was es nicht gibt, kann auch nichts erschaffen. Das ist natürlich Ansichtssache, aber hypothetisch-theologische Ansichten taugen sehr schlecht als Grundlage für Personenrechte. Dann der «Mann und Frau»-Teil: Ja, die Natur hat so eine Methode geschaffen, um den Gen-Pool zu mischen. Da jedes Kind, ob adoptiert, künstlich befruchtet oder aus einem katholschen Kloster gerettet, diese Voraussetzungen erfüllt, kann biologisch gesehen dieses Argument entsorgt werden.

«Männer die Männer lieben oder Frauen die Frauen lieben, sind zwar ein rechtlich angesehenes Paar, aber sollten nicht gleichgestellt zu hetero Paaren werden!»
Vermutlich meint er «anerkanntes» und nicht «angesehenes». Warum diesen Menschen nicht die gleichen Rechte eingeräumt werden sollten, wird nicht argumentiert. Das einzige scheint seine Abneigung gegen diese Art des Lebens zu sein (obwohl er natürlich nichts gegen diese Menschen hat). Kurz: Der Satz hat zwar Worte, aber keinen Inhalt. Und mit diesem Vakuum wird die Coda des Beitrages eingeleitet, die da heisst:

«Das heisst für mich: Keine Heirat. Keine Adoption von Kindern»
Er fordert also (wie so viele andere) aus rein persönlicher Homophobie heraus die Beschneidung der Rechte von Menschen, die mit einer anderen sexuellen Orientierung geboren wurden.

Blendet man die religiösen Argumente aus (die fast exklusiv aus dem alten Testament kommen, in dem auch Leinen- und Wollkleidung nicht gleichzeitig getragen werden darf und Frauen bestraft werden sollen, wenn sie vergewaltigt werden), bleibt höchstens noch das Kindswohl übrig. Dies ist auch gut so - doch auch hier bleiben die Argumente zwischen dürftig und lächerlich hängen. Das Hänseln ist schon abgehakt. Und auch die (auch mal in der Weltwoche) verbreiteten Klischees von Kindern die mit einem Darkroom in der Hütte aufwachsen müssten, sind absolut bescheuert.

Homosexualität und Bünzligkeit sind genau so häufig wie ausgeflipptes, der Promiskuität zugeneigtes Leben unter Heterosexuellen. Wer Kinder WILL, hat in der Regel ein stabiles, gesetztes Leben und wird zudem von den Adoptionsbehörden geprüft. Wollen wir mal wetten: Die Missbrauchsraten bei homosexuellen und heterosexuellen Elternpaaren werden praktisch nicht zu unterscheiden sein, sollten diese Rechte erst mal gewährt werden.

Zudem sind zwei liebevolle, gleichgeschlechtliche Eltern für das Kindeswohl garantiert zuträglicher als zwei zerstrittene, aggressive und emotional kalte Eltern, ganz egal wie heterosexuell diese sind. Oder glaubt etwa jemand, dass ein Kind nach den Prügeln durch den besoffenen Vater sich vor Schmerzen windend aber erleichtert sagt: «Aber wenigstens ist er nicht schwul...»? Eben.


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