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«Ich habe alles getan»

Ein Jahr nach dem sensationellen Gewinn der ersten Schweizer Goldmedaille an Schwimm-Weltmeisterschaften plant Swann Oberson an den Olympischen Spielen in London den nächsten Coup.

knob / Quelle: Si / Dienstag, 24. Juli 2012 / 14:34 h

Die Genferin, die am Donnerstag 26 Jahre alt wird, gehört am 9. August im Hyde Park zu den Favoritinnen auf Olympia-Gold über 10 km. «Swann hat wirklich gut trainiert. Sie ist zuletzt sehr stark geschwommen», sagt Elena Nembrini. Die Tessinerin muss es wissen. Sie ist seit 1991 Nationaltrainerin der Schweizer Langstreckenschwimmer und Obersons engste Bezugsperson. Die Schwimmerin selbst sagt: «Ich habe alles getan, damit ich mit den ersten Schwimmerinnen ankomme. Ich habe ein wirklich hartes Trainingsjahr hinter mir. Wenn es nicht klappt, werde ich mir absolut keine Vorwürfe machen können.» In den härtesten Trainingsphasen kam die Romande auf 120 km pro Woche, verteilt auf zwölf Trainings. Um in gut zwei Wochen - wenn in London «endlich» (Oberson) das finale Ziel ansteht - in Topform zu sein, wurde der Trainingsumfang zuletzt laufend reduziert. In der vergangenen Woche absolvierte sie noch 80, diese Woche «nur» noch 60 km. Oberson trainierte die letzten zwei Jahren vornehmlich in Würzburg bei Stefan Lurz, dem Bruder und Trainer von Thomas Lurz, der mit zehn Titeln Rekord-Weltmeister ist. Die unmittelbare Vorbereitung auf das olympische Rennen bestreitet Oberson aber seit dem 16. Juli zusammen mit Nembrini in Bellinzona und Tenero. Bis zum 9. August gestattet sie sich einzig eine kurze Ablenkung: «Da mein Wettkampf erst viel später stattfindet, habe ich die Chance, an der Eröffnungsfeier dabei zu sein. Dieser Abstecher ist eine Belohnung für den Kopf. Ich will die Freude und die olympische Stimmung fühlen.»

Alle auf der Rechnung

Gefragt, wer ihre grössten Konkurrentinnen im Kampf um die Medaillen sind, nennt Oberson keine Namen. «Auf der Langstrecke ist es sehr schwierig abzuschätzen, wer Favorit ist und wer nicht. Man muss einfach alle auf der Rechnung haben. Gerade auch mein Beispiel von Peking zeigt das.» Für die olympische Premiere auf der Langstrecke vor vier Jahren in Peking war die Westschweizerin als 25. und letzte Schwimmerin ins Feld gerutscht.



In den härtesten Trainingsphasen kam die Romande auf 120 km pro Woche, verteilt auf zwölf Trainings. (Archivbild) / Foto: EQ Images

Nach tollem Schlussspurt klassierte sich Oberson als Sechste. Zu Bronze fehlten ihr nach knapp zwei Stunden Schwimmzeit weniger als sechs Sekunden. Im Shunyi-Wasserpark in Peking, wo zuvor auch die Ruder-Wettkämpfe stattgefunden hatten, war der langjährigen Pool-Schwimmerin zum Vorteil gereicht, dass der Wettkampf nicht in offenem Gewässer durchgeführt wurde. Oberson findet sich in «ruhigem» Gewässer besser zurecht als auf offenem Meer und bei starkem Wellengang. Für die Diplom-Gewinnerin von Peking ist es also keineswegs ein Nachteil, dass der Wettkampf im Hyde Park - genauer im Serpentine Lake - stattfindet. In diesem elf Hektaren grossen See führen normalerweise Schwäne und Enten ein geruhsames Leben. In gut zwei Wochen hingegen wird gleichenorts unerbittlich um olympisches Edelmetall gekämpft.

Wasser-Temperatur als Knackpunkt

Schafft es die Genferin wie angestrebt unter die ersten drei, wäre dies (erneut) ein Erfolg historischen Ausmasses. Erst einmal überhaupt hat ein Schweizer Schwimmer eine Olympia-Medaille geholt. 28 Jahre ist es her, als Etienne Dagon in Los Angeles über 200 m Brust Bronze gewann. Ähnlich überraschend wie Dagon damals in Kalifornien sorgte vor Jahresfrist am Strand von Jinshan auch Oberson für einen Exploit. Sie sicherte sich im Schlussspurt WM-Gold. Oberson blieb im rund einstündigen Wettkampf über 5 km um vier Zehntel vor der Französin Aurélie Muller. Nie zuvor war einer Schweizer Schwimmerin oder einem Schweizer Schwimmer ein solcher Erfolg beschieden gewesen. Fast mehr als die Konkurrentinnen fürchtet Oberson die Wasser-Temperaturen. Die Romande zieht die Wärme vor - im vergangenen Juli in Schanghai erreichte das Wasser die vom Weltverband maximal zulässige Temperatur von 31 Grad. Im Serpentine Lake hingegen wird es für Obersons Empfinden tendenziell zu kalt sein. «Wir schauen jeden Tag, wie das Wetter in London ist und hoffen, dass es wärmer wird», sagt Elena Nembrini. Der Tessinerin ist es zu verdanken, dass Oberson - die zwar eine gute Beckenschwimmerin war, aber nie an Flavia Rigamonti vorbeikam - ihr Glück auf der Langstrecke versuchte. «Alles, was in London über 20 Grad ist, ist okay. Darunter wird es hart für Swann», erklärt Nembrini. Allerdings zeigte gerade der olympische Test-Wettkampf im letzten Jahr, dass Oberson auch bei Kälte nicht chancenlos ist. Nur gerade 17,7 Grad betrug die Wasser-Temperatur bei diesem Test. «Damals habe ich mich schon Wochen vorher darauf eingestellt, dass es kalt wird», so Oberson, die im Rennen bis zum Anfang der sechsten und letzten Runde mithielt. Dass sie mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun hatte, war die Folge eines taktischen Fehlers, wie Oberson zugibt: «Ich hätte mich nicht mehr verpflegen, sondern ganz einfach in der Spitzengruppe bleiben sollen.» So verpasste die Schweizerin aber den entscheidenden Abgang. Am 9. August wird Oberson dies hoffentlich nicht nochmals widerfahren.

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