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Schattenmänner in Bern

Der grobschlächtige Barmann, der an einer unangezündeten Zigarre zog, schenkte mir ungefragt einen Doppelten ein: Lesen Sie exklusiv den Bericht von Nebi-V-Mann Roland Schäfli aus dem Berner Indiskretionen-Sumpf.

Quelle: Nebelspalter / Dienstag, 6. Juli 2010 / 16:12 h

Der grobschlächtige Barmann, der an einer unangezündeten Zigarre zog, schenkte mir ungefragt einen Doppelten ein. Ich blinzelte ihm freundlich zu, so wie man jemandem zublinzelt, der einem etwas Nettes getan hat, ohne dass man damit gleich mehr signalisieren will. Es sollte mir erst später klar werden, dass dieses Blinzeln geheimes Erkennungszeichen des Schweizer Geheimdienstes ist. Schneller als die SVP «Referendum» sagen kann, setzte sich ein Kontaktmann zu mir.

Das Codewort


«Es ist schon ein Elend mit Alex Frei», schnarrte er und blies eine unsichtbare Rauchfahne aus seiner – ebenfalls unangezündeten – Zigarette. Auch das war mir damals nicht bewusst, aber als ich antwortete, «Ja, der Frei hat schon Pech», gab ich ungewollt den Rückantwort-Code. Es war eine dieser Berner Nächte, in denen man ziellos herumstreift zwischen Bundeshaus und Zytglogge, den Mantelkragen im Nieselregen hochgeschlagen, und hochblickt zum erleuchteten Fenster des Verkehrsministers und sich fragt, wie lang noch, wie lang noch? Sie wissen schon, so eine Nacht, in der man glaubt, im Wind das Jammern der ganzen Schweiz zu hören, im Ächzen der Bäume den starken Franken, der sich beugt, und in den klappernden Fensterläden das gierige Zuschnappen von Boni-Abzockern.

Das flaue Gefühl in meinem Magen konnte daher rühren, dass unser Land mitten in einem Krieg mit Libyen steckte. Konnte auch sein, dass mein Magen einfach ebenso leer war wie das Blatt Papier, das in meiner Schreibmaschine steckte, so nutzlos wie ein Aufruf von «Travail Suisse» zur Boni-Beschränkung. Seit Tagen schon wartete es weiss wie Uriella darauf, mit Geistreichem für den ‹Nebelspalter› vollgeschrieben zu werden. Allein, auch an diesem Tag war ich so einfallslos wie eine Medienmitteilung der AKW-Gegner. Nennen Sie es Schicksal oder Karma, was mich schliesslich zur Bellevue-Bar getrieben hat; ich nenne es Durst.

Der Feind


Gestillt wurde schliesslich meine Neugier, als besagter Fremde sich – nunmehr vertraulich – vornüber beugte und mir ein eselsohriges Dokumentenbündel aushändigte. Es handle sich, wie er mir ohne Umschweife anvertraute, um den Geheimplan zur Eliminierung des Staatsfeindes Nummer eins. Damit drückte er mit bedeutungsschwangerer Geste seine Zigarette aus, was an Bedeutung etwas verlor, da sie freilich unangezündet war. Ich wusste nicht, dass die Schweiz so viele Staatsfeinde hatte, dass sie diese schon durchnummerieren musste, und fragte feierlich, wer denn gerade zuoberst auf der Hitliste stehe. «Jemand», sagte der Fremde, eine neue Zigarette aus seinem Päckchen fischend, «der der Schweiz schadet.» Spontan kam mir Michael von der Heide in den Sinn. Ob der Geheimdienst etwa …? Doch der Agent wedelte mit der Hand, als wollte er diesen Gedanken vertreiben. Oder den nicht vorhandenen Rauch. Jedenfalls ergänzte er: «Ein Ausländer, der einen der unseren gefangen hält.» Starker Tobak, sagte ich (und dachte mir, Borer habe sich doch aus eigener Kraft von Shawne befreit), und der Fremde meinte, nein, er rauche nur noch light.

Als der Barmann näherkam, um den leeren Aschenbecher durch einen neuen leeren Aschenbecher zu ersetzen, verstummten wir. Dann hiess mich der Fremde mit einer Grabesstimme, die Widerspruch so wenig zuliess wie ein Staatsvertrag mit den USA, wenn sich ein GPK-Mitglied auch nur auf Rufweite näherte, wäre ich auf Ehre verpflichtet, diesen Geheimplan mit Stumpf und Stiel aufzuessen. Damit zog er sich ohne ein weiteres Wort in den Schatten zurück, wo man nur noch seine Zigarettenspitze rot aufglühen sah. Das heisst, wenn sie angezündet gewesen wäre. Ich steckte meinen Finger zwischen den Packen Dokumente, konnte auf einer Ecke lesen «Geheimbef. zur Befr.



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von MaX – bitte nichts dem Bundesr. sagen». Das nächste Papier war ein handgezeichneter Fluchtweg: Offenbar hatte jemand berechnet, wie lange ein Kamel, das einen bärtigen Mann trägt, durch die libysche Wüste gehen müsste, um bis zu einem befreundeten Staat der Schweiz zu gelangen – also bis nach Liechtenstein – und dann war die ganze Zeichnung offenbar in Verzweiflung zerknüllt worden. Das nächste Blatt enthielt eine Aktennotiz von André B.: Die Geisel auszufliegen sei nicht umsetzbar, da er, verdammt noch mal, keine Flugzeuge bekomme.

Der Zwerg


Mein Herz machte einen Satz, etwa so, wie wenn Darbellay ohne Vorwarnung ein Plakat der Juso sieht, als ein weiterer Unbekannter neben mir Platz nahm. «Es ist schon ein Elend mit Alex Frei.» – «Ja, der Frei hat schon Pech», antwortete ich pflichtgemäss und bemerkte erst jetzt, dass diese Person zwergenhaft war, ihr Kinn reichte kaum bis zum Aschenbecher. Der Zwerg hatte eine schlecht gemachte Perücke auf, was mich an den Verkleidungskünsten unseres Geheimdienstes zweifeln liess. Unter der Theke steckte die Person mir einen Stapel Fotos zu. Wenn ihre Stimme ein Scharnier gewesen wäre, hätte man es auf der Stelle ölen müssen. «Das ist ’eisse Ware», sagte die Gestalt mit welschem Akzent. «Isch kann diese Foto nischt mehr länger in mein Büro behalten.» Polizeifotos. Die Genfer Polizei hatte Gaddafi Junior im Gefängnis abgelichtet. Schmutzige Bilder. Der Wüstensohn in unwürdigen Situationen. Auf einem Bild deutlich zu sehen, wie ein Polizist Hannibal demonstriert, wie er sein Bett selbst machen soll. Auf einem weiteren Abzug: Hannibal bekommt als Dessert statt der gewünschten Datteln nur eine Schwarzwälder serviert. Der Zwerg kicherte. «Es ist gegen die Menschenreschte, aber sorg dafür, dass die Tribune de Génève diese Foto bekommt. Aber nischt ’ansruedi sagen.»

Der Zwerg hatte den Barhocker kaum verlassen, als schon ein weiterer Geheimdienstler Platz nahm. «Es ist schon ein Elend mit Alex Frei.» Worauf ich gedankenlos erwiderte: «Hitzfeld hätte ihn mit seinem Klumpfuss niemals antreten lassen dürfen.» Nur ein vertrauliches Blinzeln rettete mich vor der Enttarnung. Die beträchtliche Mappe, die mir gereicht wurde, von einer Kordel verschnürt, war mit einem Siegel aus rosa Wachs geprägt: «Nur öffnen im Fall des Rücktritts von Moritz L.» Ein Blick genügte: Es handelte sich um eine Sammlung von Gedichten, unveröffentlichten Blogs und Geheimprotokollen von Bundesratssitzungen, die offiziell gar nie stattgefunden hatten.

Gemeinsam beobachteten wir einen Moment lang einen gelungenen, wenn auch unsichtbaren Rauchring, den der Barmann in die Luft blies, wo er sich bald verflüchtigte wie eine WM-Hoffnung. Dann trat auch diese geheimnisvolle Figur zurück, ohne ein weiteres Wort und ohne eine weitere Indiskretion. Ich hoffte inständig, dass dieses verfluchte Berner Wetter, das mich heute hergetrieben hatte, nun endlich aufklären würde. Denn Aufklärung war es, was dieses Land so dringend brauchte wie ich noch einen weiteren Doppelten.

Roland Schäfli

 




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