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Hugo Loetscher: Sein Buch des Abschieds

Wenige Tage vor Erscheinen seines jüngsten Buches ist Hugo Loetscher vergangenen Dienstag verstorben. Was eine Lebensbilanz hätte darstellen können, ist zu einem Buch des Abschieds geworden. «Hugo was here», malt er sich darin als Inschrift für seinen Grabstein aus.

Beat Mazenauer, SFD / Quelle: sda / Samstag, 22. August 2009 / 09:33 h

Schon in Loetschers Gedichtband «Es war einmal die Welt» (2004) klang ein Memento mori nach, das in den Zeilen kulminierte: «Ich hab kein Leben / aber ein Werk. / Ob das was taugt? / Hätt das Leben was getaugt?» Unversehens haben diese Zeilen Aktualität erhalten. Hugo Loetscher hinterlässt ein reiches Werk, in dem Stil und Verantwortung eine einzigartige Einheit eingehen. Das gilt auch für diese letzten Erinnerungen.

Die Erde ist rund

Was wäre, wenn die Welt «weder Anfang noch Ende hat». Dafür steht das moderne Zauberwort «Globalisierung». Doch Hugo Loetschers Vorstellung der Welt meint etwas anderes. Die Welt ist ein hybrides Gemisch aus Kulturen, die sich in Widersprüchen zugetan oder spinnefeind sind, jedoch nie für sich alleine stehen. Seit er erstmals ins Ausland aufbrach, nach Venedig, arbeitete er an einer Weltkarte, «auf der ich Orte eintrug, an denen auf irgendeine Weise und aus irgendwelchem Grund sich Kulturen trafen.» Loetscher bereiste alle Winkel auf dem Globus: manchmal körperlich, manchmal auch nur zwischen zwei Buchdeckeln oder auf Surftouren im Internet. «Bei meinem Aufbruch nach jenseitigen Ufern entdeckte ich das, was ich wusste: Die Erde ist rund.»

Aufbruch ans gegenüberliegende Ufer

In Zürich Wiedikon aufgewachsen, als Sohn eines Entlebucher Vaters und einer schwäbischen Mutter, musste er für den Besuch der Kantonsschule die Sihl überqueren, wo er stets einer «von drüben» blieb. Dies prägte sich ihm ein. Die Sihl ist sein Lebensfluss: ein minderes Gewässer, das vor Überheblichkeit schützt und doch mit der Welt verbunden ist. Ihrem Lauf folgt Loetscher in seinen Erinnerungen. Dabei legt er es nicht auf eine Chronologie der Ereignisse an, sondern reiht locker Erzählmotive aneinander.



Sihl als Lebensfluss: Hugo Loetscher. / Foto: SF

«War meine Zeit meine Zeit» erinnert an Jorge Luis Borges' «Garten der Pfade, die sich verzweigen». Souverän, brillant und selbstironisch verknüpft Loetscher Erlebtes und Erinnertes miteinander, und ordnet so die Welt neu.

Ohne Eitelkeit

Daraus formt sich ein Erzählfluss, in dem sein vor Ideen überschäumender Geist spürbar wird. Windmühlen in Holland vor Augen, kommt ihm umgehend Don Quijote in den Sinn, dessen heutigen Kampf gegen Windfarmen ihn ans kindliche Spiel mit dem bunten Windrädchen erinnert. Hinter den unzähligen Abzweigungen tauchen als Leitmotive immer wieder die Sihl und jenes Holzschiffchen auf, das er einst als Junge darauf ausgesetzt hatte. Ihm wollte er folgen. Hugo Loetscher legt keine eigentliche Autobiographie vor. Dafür mangelte es ihm persönlich an Eitelkeit. Private Anekdoten und Reminiszenzen an Vater, Mutter, die eigene Herkunft verleihen seinem Bericht die intime Weihe. Das eigentliche Ziel aber bleibt jene Weltkarte ohne Anfang und Ende, auf der sich Menschen und Kulturen mit Respekt begegnen

Das Ungefragte befragen

«Unterwegs sein, das war meine Art zu fragen.» Das erzählende Ich begegnet sich dabei selbst in anderen Menschen, Ritualen, Kulturen. Insbesondere wenn es um die Liebe geht, der Loetscher im Zentrum seines Buches nachfährt. Oder wenn ihn auf Friedhöfen eine Vorahnung des Todes beschleicht. Leidenschaftlich plädiert Hugo Loetscher am Ende für eine Welt, in der Begriffe wie Ost und West, schwarz und weiss bloss überkommene Chiffren aus einer vergangenen Welt sind. Seine Erfahrung hat ihn gelehrt, dass «jeder Ort ein Überall» ist, wo sich die Wahrheiten vermischen. Der letztgültigen Wahrheit jedoch konnte auch er nicht entgehen. «Hugo was here» - und bleibt es mit Büchern wie diesem.

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