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Kolumne


Die dünne Haut der Zivilisiertheit

von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 23. April 2009

. Die gegenwärtige Rezession, die uns sicher noch dieses ganze Jahre begleiten wird, ist ein harter Test – nicht nur für unsere Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft im Allgemeinen. Spannungen brechen nun auf und aus, die in dieser Form vor kurzem noch kaum denkbar waren. Wenn in Frankreich gekündigte Mitarbeiter Fabrikgebäude abfackeln oder, wie schon wiederholt, Geiselnahmen stattfinden, um Werksschliessungen zu verhindern, dann sieht das nicht mehr nach rein wirtschaftlichen Problemen aus.

Hier zeigen sich tiefe Risse, welche soziale Spannungen und am Ende auch Unruhen auslösen können. Aufnahmen gewalttätiger Arbeiter-Aufstände aus den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts machten bis vor kurzem noch einen sehr fremdartigen Eindruck auf den Betrachter im befriedeten, zivilisierten Europa.

Die Szenen schienen aus einem anderen Universum zu kommen, eine fremde, zerstörerische Art der sozialpolitischen Interaktion. Doch auf einmal sind die Bilder nicht mehr so fremd, die Spannungen wachsen, Gewalt im öffentlichen Raum ist nicht mehr die Sache von ein paar Hooligans nach dem Fussballspiel. Stattdessen schlagen Arbeiter zu, die sich noch nie etwas zu Schulden haben kommen lassen.

Was bringt diese Leute dazu, ihrer Wut einfach freie Bahn zu gewähren? Ihr Leben womöglich noch mehr zu ruinieren, als es durch die Krise bereits zerstört wurde?

Es ist das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, Verlierer zu sein in einem Spiel, in dem man gar nie mitmachen wollte. Dass die Unruhen nun als erstes ausgerechnet in Frankreich ausbrechen, ist kein Zufall. Nicolas Sarkozy, der Präsident, hat es in seiner Amtszeit ja schon öfters geschafft, sich – nicht zuletzt mit Urlauben auf Yachten seiner reichen Freunde – als Kumpan der Grossfinanz zu präsentieren.

Dies ist in guten Zeiten schon problematisch. Aber wenn es bergab geht, verliert in einer solchen Situation auch der Staat jede Glaubhaftigkeit, wenn es darum geht, als Mittler und Krisenmanager zu handeln. Wenn die französische Regierung nun versucht, Moderator zu spielen, wird keiner an ihre ehrlichen Absichten mehr glauben, denn der Boss ist ja eh in der Tasche des Kapitals, die Regierung steht auf der Seite jener, die das Ganze verursacht haben.

Doch auch ohne die offensichtliche Verstrickung der Mächtigen mit den Reichen steigen die Spannungen mit jeder Entlassungswelle an. Dies nicht zuletzt, weil es die Firmen im letzten Jahrzehnt vielfach vermeiden konnten, die Arbeiter am Boom teilhaben zu lassen. Jahr um Jahr wurden die Tarifabschlüsse tief gehalten, während Vorstände und Aktionäre grosszügig ausgezahlt wurden.

Diese Erfahrungen werden nun kombiniert mit den immer detaillierteren Berichten darüber, wie Banker und Manager mit beinahe krimineller Energie den momentanen Kollaps vor den Augen der Aufsichtsbehörden vorbereitet haben.

Das Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, ist da fast unvermeidlich. Wer dann auch noch seine Existenz verliert und mal kurz darüber informiert wird, dass er nun nicht mehr gebraucht wird, vielen Dank und tschüss, der kann seine Fassung durchaus verlieren. Ein Gewaltausbruch ist da auf alle Fälle nicht mehr fern, auch wenn dieser nichts bringt und lediglich die Haut der Zivilisiertheit weg sprengt und den Vertrag zerreisst, der ein friedliches, sicheres Zusammenleben gewährt.

Doch dieser Vertrag war von vielen Vertretern der Investorenseite schon seit langem einseitig gekündigt worden, als für ein bisschen mehr Rendite die Achtung vor den Menschen über Bord geworfen wurde.

Die Krise wirft nun ein grelles Licht auf diese Wunden in unserer Zivilgesellschaft und es ist die Aufgabe des Staates, diese mit klaren Regeln und Gesetzen erst zu versorgen und dann zu heilen. Nur wenn das Grundvertrauen wieder hergestellt ist, kann ein Fundament für eine erfolgreiche Wirtschaft und eine Gesellschaft, die dieses auch stützt und beschützt, wieder aufgebaut werden.


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