von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 30. April 2009
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Wenn von der Wirtschaftskrise gesprochen wird, werden alle möglichen Faktoren erwähnt und als schuldig betrachtet: Gesetzesänderungen, Deregulierung, Tiefzinspolitik und was auch immer mehr. Auch die Manager werden jeweils angeprangert, aber von diesen wird gesprochen, als würden sie zu einer anderen Gattung gehören, als seien sie keine normalen Menschen sondern eine merkwürdige Tierart die sich auf den Vorstandsetagen der Grossbanken und Versicherungen vermehrt.
Aber dem ist nicht so. Die CEO's, Verwaltungsräte und Wirtschaftsführer, welchen die Hauptverantwortung für die gegenwärtige Rezession zugeschrieben wird, sind bis auf kleine, individuelle Unterschiede Menschen wie du und ich. Sie verhielten sich nicht grundsätzlich anders, als es von ihnen zu erwarten gewesen war und das was sie machten, liegt nicht ausserhalb der Norm, so absurd es im ersten Moment auch tönen mag: Das Verhalten der Manager entsprach durchaus evolutionären Anforderungen.
Der Haken ist einfach, dass sie dieses Verhalten in einem Umfeld zeigten, in dem die Voraussetzungen, welche uns evolutionär formten, nicht mehr gelten. Stehen sie mal vor einen Spiegel hin, sehen sie sich an und begrüssen Sie den Steinzeitmenschen, der Ihnen da entgegen blickt. Wir alle sind biologisch gesehen nur einen Hauch von jenen Menschen entfernt, die nach dem Ende der Eiszeit begannen, die Schweiz zu besiedeln.
Die vielen Verhaltensweisen, die in unserer modernen Welt nicht sehr hilfreich sind (haben Sie schon mal in ihrem Auto laute Flüche über andere Verkehrsteilnehmer ausgestossen? Und hat das was gebracht? Eben.), stammen aus jener Zeit. Genau so wie die Mängel in unserer Wahrnehmung, die uns und unsere Gesellschaft immer wieder offenen Auges in Krisen tappen lassen.
Steinzeitmenschen lebten rein in der Gegenwart. Sie mochten zwar Geister um Jagdglück anbeten und beschwören, doch im praktischen Leben standen bei den Männern – und es wenn sie die Galerie der Wirtschafts-Sündenböcke anschauen, welche uns präsentiert werden, so sind das praktisch nur Männer – nicht Kontemplation, Reflektion und langfristige Risikoanalyse im Zentrum. Es ging darum, an Nahrung zu kommen ohne selbst Raubtierfutter zu werden. Wurde der Entschluss gefasst, ein grösseres Beutetier zu jagen, dann ging man immer ein Risiko ein. Jede Verletzung konnte den Tod bringen. Auch wenn Wunden versorgt und sogar Brüche schon damals geschient wurden.
Doch mit jeder erfolgreichen Jagd wurde Wagemut belohnt und die Chancen bei den Frauen auf Nachwuchs wurde grösser, denn ein solcher Mann war ein guter Versorger für den Nachwuchs. Als die Jadgwaffen besser wurden, sank das Risiko für den Jäger zusehends und die Belohnung für noch höhere Risikobereitschaft stieg, während die Gefahren abnahmen.
Damals gab es schon die ersten 'Blasen' welche in Zusammenbrüchen endeten: Fast überall, wo die Menschen auf ihrer Eroberung der Welt auftauchten, starben kurz darauf die grossen Wildtiere aus, welche von den Waffen und dem Jagdgeschick des Homo Sapiens überrumpelt wurden. Afrikas Wildtiere hatten sich zusammen mit dem Menschen entwickelt. Sie konnten sich an sein Verhalten anpassen und ihn als gefährlichen Jäger kennen lernen. So blieb das Leben in Afrika für den Homo Sapiens noch hart, jedes erlegte Stück Wild war ein grosser Erfolg und man musste so viel töten, wie möglich, um einfach überleben.
Ausserhalb Afrikas hingegen führte diese Art der Jagd zu einem Overkill unter der Grosstierfauna, die den Menschen nicht als Bedrohung wahr nahm, was kurzfristig zu einem überreich gedeckten Tisch für die Urmenschen führte. Doch der schnelle Erfolg der Jäger schmälerte langfristig deren Lebensgrundlage: Zum einen fehlte plötzlich die Nahrung, sobald die Wildbestände ausgerottet waren und zum anderen beraubte uns dieses Massaker vermutlich vieler potentieller Nutztiere.
Wenn die heutigen Steinzeitmenschen in den Grossbanken in den vergangenen Jahren wie wild den kurzfristigen Gewinnen nach hetzten, dann taten sie nichts anderes wie ihre fernen Vorfahren, die ganze Tierarten mit ihren Speeren und Pfeilen ausrotteten. Langfristiges Denken spielt bei diesem Jagdfieber (seien es Renditen oder Riesenelche) keine Rolle. Genau wie damals funktioniert das Gehirn des Jägers nach dem Prinzip: erlegt ist erlegt!
Die Gier, die Masslosigkeit, der beschränkte Horizont, das Ignorieren des Übermorgen sind alles Dinge, die einem Steinzeitjäger zum Vorteil gereichten, wenn er sein Leben riskierte um seinem Rudel Nahrung zu erbeuten. Dieses Erbe ist noch in den Köpfen vorhanden und wird auch in 1000 Jahren nicht weg sein. Wenn deshalb Regeln aufgestellt werden, müssen diese so gestaltet werden, damit dem Steinzeitmenschen im Massanzug Zügel angelegt werden, die ihn und die Gesellschaft vor seinem evolutionären Erbe beschützen.