von Patrik Etschmayer / Donnerstag, 7. Mai 2009
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Es gibt Geschichten in der Wirtschaft, von denen man sagt, dass sie guten Filmstoff abgäben. Jene von Apple-Boss Steve Jobs zum Beispiel, oder die von Bill Gates.
Doch trotz aller Intrigen, Machtkämpfe und riesiger Geldsummen, kommen diese Leute als erstaunlich blutleer herüber, was nicht zuletzt an den Produkten liegt – selbst ein iPhone ist nur ein Gadget – aber auch daran, dass keine Dynastie erkennbar ist, ein Element, welches das Rudeltier Mensch immer zu fesseln vermag.
Da bietet die Story eines bestimmten ETH-Absolventen schon wesentlich mehr Fleisch an den Knochen: Ferdinand Piëch, einstiger VW-Chef, momentaner Aufsichtsrat-Vorsitzender des noch zweitgrössten Autoherstellers der Welt mit Ambitionen auf die Nr. 1, hat eine schillernde Vergangenheit und Gegenwart.
Als Enkel des VW-Käfer Erfinders und Porsche-Gründers Ferdinand Porsche und studierter Maschinenbauer, zeigte Piëch schon in frühen Jahren eine hohe Oktanzahl im Blut. Er war der massgebliche Konstrukteur des erfolgreichsten Rennautos aller Zeiten, des Porsche 917. Als er in den 70er Jahren aufgrund eines Familienbeschlusses des Porsche-Clans sich wie alle anderen Porsches und Piëchs aus der Geschäftsleitung von Porsche zurück ziehen musste, ging er zu Audi-NSU.
Audi verdankt seine Wandlung von der popligen Hutträgermarke mit bestickten Klopapierrollen auf der Heckablage zum Premiumhersteller, der auf Augenhöhe gegen Mercedes und BMW operiert, vor allem dem eiskalten Perfektionisten Piëch, der Turbodiesel und Vierradantrieb auf breiter Front durchsetzte und das Image von Audi mit den legendären Quattro-Rennsporteinsätzen gründlich aufbretzelte.
Anfang der 90er Jahre wurde Piëch VW-Chef, benahm sich dabei wie ein Kaiser, schasste und heuerte Leute nach seinem Gusto und schaffte es trotz einiger Fehltritte, VW immer grösser und erfolgreicher werden zu lassen. Gleichzeitig wuchs sein «Stammhaus», der Sportwagenbauer Porsche. Dieser wurde nach einer Fast-Pleite Ende der 80er-Jahre zu einem der profitabelsten Autohersteller der Welt, an dem Piëch massgeblich beteiligt ist.
Dann, vor etwas mehr als 2 Jahren, passierte das Verrückte: Der Kleinhersteller Porsche versuchte, den Giganten VW zu übernehmen. Mit – damals – sehr geschickten Optionen-Geschäften erwarb Porsche unter der Führung von Wendelin Wiedeking und dessen Finanzchef Holger Härter über 42% der Aktien des 15 Mal grösseren VW-Konzerns. Die nächsten 8% sollten aber alles zum Einsturz bringen: Zwar hatte Porsche nun über 50%, aber dafür auf einmal enorme Schulden und Kredite, die wegen der Finanzkrise plötzlich um vieles teurer wurden.
Die Übernahme scheiterte, ja, es stand sogar im Raum, dass nun VW Porsche schlucken würde. Stattdessen wird nun eine Fusion stattfinden und der neue VW-Porsche-Konzern grösser und um einen profitablen Baustein reicher sein.
Ganz egal wie die Sache gelaufen wäre, der bekennende Legastheniker Piëch hätte so, so oder so gewonnen. Hätte sich Porsche durchgesetzt, wäre er als Grossaktionär und graue Eminenz bei VW noch mächtiger geworden. Hätte VW Porsche übernommen, wäre das Spiel auf die andere Seite gegangen, sein Einfluss bei Porsche gewachsen. Und nun eben die Fusion: Piëchs Einfluss wird grösser, da er schon stark bei VW ist, jener des anderen Familienzweigs, der Porsches, wird wegen einer notwendigen Kapitalerhöhung von aussen geschwächt, während er als der grosse Dominator im Hintergrund sein Lebenswerk zu Ende bringt.
Immer wieder war der Patriarch (12 Kinder aus 4 Beziehungen) abgeschrieben, seine Ambitionen kritisiert, sein gebaren als untolerierbar bezeichnet worden. Doch dies mag vor allem daran liegen, dass in der heutigen Zeit in der Wirtschaft nicht mehr in Jahrzehnten und Generationen gedacht und gehandelt wird.
Wer heute die globale Autowirtschaft anschaut, wird etwas erstaunliches bemerken: Die beiden grössten Konzerne, Toyota und VW (GM kann nicht mehr wirklich gezählt werden), werden von Familienclans geführt und dominiert. Sie gelten aufgrund ihrer Produkte und Finanzen auch als die vielversprechendsten Firmen dieser Branche. Ist dies ein Zufall? Oder handeln Menschen in hohen Postionen anders, wenn sie für Ihre Nachkommen und Verwandten etwas schaffen und nicht nur für irgendwelche anonymen Anteilseigner?
So wäre ein Film über die Porsches und Piëchs wohl auch ein Film darüber, dass ein Handeln ohne die Erkenntnis, in grössere Zeitströme eingebunden zu sein, immer in Sackgassen und Abstürze führen muss und unsere gegenwärtige Krise nicht zuletzt auf den Verlust des langfristigen Denkens über Generationen hinweg zurück geführt werden kann.