von Patrik Etschmayer / Montag, 11. Mai 2009
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Krisen seien jeweils gute Momente, sich neu zu orientieren, heisst es. Spätestens, wenn die schlimmste Panik abgeklungen ist. Schauen wir also mal an, wie die Entscheidungsträger auf diese Gelegenheit, endlich neue Gedanken einzubringen, reagierten.
Die Linken verdammen mehr denn je die Marktwirtschaft, fordern das Ende der Globalisierung und die Einführung des Sozialismus, wobei sie kein funktionierendes Beispiel für ihre Sicht beibringen können. Dass sie ausgerechnet das seit 50 Jahren scheiternde Kuba immer wieder erwähnen, zeigt lediglich, wie absurd die Illusionen sind, mit einer dogmatischen Ideologie in einer realen Welt zu bestehen.
Doch auch auf der rechten Seite herrschen Illusionen – der Anspruch, dass der völlig freie Markt auch Moral erzeugen werde, ist absurd. Trotzdem wird behauptet, dass nur staatliche Eingriffe (wie ein Gesetz in den USA, das Banken verpflichtete, auch in «schlechteren» Gegenden Hypotheken zu geben), der Auslöser der Immobilien-Krise war und nicht der Wunsch, Gewinne auf Grund eines riesigen Schneeball-Systems zu generieren. Es dürfte interessant sein, wie die Freimarkt-Verfechter die vermutlich schon bald kollabierende Kreditkartenblase in den USA auf den Staat abschieben werden.
Wenn die Krise etwas zeigt, dann wohl, dass simple 'links-rechts'-Schemata unsere Welt nicht mehr wirklich erfassen vermögen. Nicht zuletzt, weil die meisten von uns gleichzeitig auf beiden Seiten des Zaunes sitzen.
Das offensichtlichste Beispiel dafür sind die Pensionskassen. In letzter Zeit wurden die Umwandlungsraten immer wieder reduziert – dies zum grossen Ärger der Gewerkschaften, welche – absolut zu recht – die Altersversorgung der Arbeitnehmer gefährdet sehen. Gleichzeitig kämpfen die Gewerkschaften und andere Linke gegen hohe Dividendenzahlungen. Dividenden, die es dem Grossaktionär «Pensionskasse» unter Umständen erlauben würde, wieder höhere Erträge zu generieren. Wo es auf der Welt auch immer Pensionspläne gibt, beuten Arbeitnehmer andere Arbeitnehmer aus.
Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass viele Banken und Investmentfirmen Kunden jener Leute sind, mit denen sie ständig im Clinch liegen. Doch nicht nur hier herrschen Paradoxien.
Der ständige Anti-Globalisierungskampf der Linken vergisst, dass die Globalisierung sehr viel Geld in die dritte Welt gebracht hat. Dass sich trotzdem kaum Wohlstand einstellen will, liegt vor allem an einem Faktor, der nur sehr ungern angesprochen wird: dem immer noch extremen Bevölkerungswachstum. Wenn über 20 Jahre hinweg eine Wirtschaft um 4% im Jahr wächst, das Volk aber um 6%... dann bleibt einfach nichts übrig... ja, es wird sogar weniger.
Die Probleme sind riesig, aber lösbar. Doch die 'reine Lehre' – sei es nun Kapitalismus oder Sozialismus – können in der komplizierten, nicht linearen Welt, in der wir leben, keine Lösungen mehr bieten. Trotzdem werden auch jetzt wieder unhaltbare Versprechen gemacht und in der Politik ist das Lügen und unverantwortliche Vereinfachen – wie gerade im deutschen Wahlkampf – populärer denn je.
Die Krise haben wir. Die Neu-Orientierung hingegen lässt hingegen auf sich warten. Die Komplexität unserer modernen Welt widerspricht unserem Urbedürfnis nach Einfachheit und Übersichtlichkeit und es widerstrebt uns, zu akzeptieren, dass die Welt unterdessen zu vielschichtig ist, um einfach schnell erfasst und in simple Kategorien eingeteilt werden zu können. Gleichzeitig ist es unbefriedigend und frustrierend, eine Bedrohung und Krise zu durchleiden, ohne einen Sündenbock verdammen zu können. Sicher, Banker hatten Schuld, aber es waren ebenso Politiker, deren Wähler, Pensionskassen, Gewerkschaften... wir alle hängen und hingen mit drin, teilweise ohne dies je wirklich gemerkt zu haben.
Einfach «Fertig mit links und rechts» zu sagen, fertig mit kleinkariertem Lagerdenken, wäre zwar neu und richtig, aber auch unbequem. Und in der Krise auch noch diese letzte Bequemlichkeit aufzugeben, das wäre wohl etwas zu viel verlangt. Oder?