von Patrik Etschmayer / Freitag, 22. Mai 2009
.
Es ist ironisch, wenn einen Tag vor «Christi Himmelfahrt» ein Report veröffentlicht wird, der zeigt, wie im katholischsten Land Europas – der Republik Irland – Kinder während Jahrzehnten in christlichen Schulen von Mönchen und Nonnen auf das Brutalste hin misshandelt wurden.
Das irische Schulsystem verliess sich für «Problemkinder» wie Waisen oder vernachlässigte Kinder, unter anderem auf geschlossene Schulen, wo solche untergebracht wurden, um diesen ein behütetes Aufwachsen zu ermöglichen. Die getrennten Jungen- und Mädchen-Schulen und -Heime wurden grossenteils von den «Christian Brothers», den «Sisters of Mercy» und den «Sisters of Charity» betrieben. Doch von brüderlichem, gnädigem oder gar wohltätigem Verhalten gegenüber ihren Schutzbefohlenen durch diese Mönche und Nonnen lässt sich im Report der Kindesmissbrauchs-Kommission nur wenig entdecken.
Stattdessen findet man Aussagen von einstigen Schülern dieser Institutionen, die ohne weiteres mit dem Schrecken des Waterboarding und anderer 'harscher' Verhörtechniken, für welche das CIA zurecht kritisiert wurde, wenn diese bei Terrorverdächtigen angewandt wurden, mithalten können. Doch hier – dies muss man sich bei der Lektüre des Berichtes immer wieder in Erinnerung rufen – handelt es sich um 10-, 12-jährige Kinder, deren Leben unter der Obhut der Kirche zerstört wurde.
Brutales Prügeln, Verbrühen, Schläge mit Stöcken, Auspeitschen mit Leder-Riemen oder gar – in einem Fall – dem Vollgummireifen eines Kinderwagens, waren scheinbar ein normaler Teil dessen, was zu einer Erziehung in diesen Heimen gehörte. Aber auch sexueller Missbrauch war an den Jungen-Schulen nichts aussergewöhnliches. Dazu kamen Sklaverei-gleiche Zustände und ständige psychische Erniedrigungen. Tausende Kinder mussten eine Hölle unter dem Zeichen des Kreuzes durchleiden.
Wenn es zu irgendwelchen Reklamationen kam – sei es durch besorgte Eltern oder Inspektoren – wurden diese entweder ignoriert oder verwedelt. Das Hauptinteresse bestand darin, den Ruf der Kirche, ihrer Institutionen und derer Angestellten zu bewahren – das Wohlergehen der Kinder war, wenn überhaupt, von geringem Interesse.
Der Report ist ein Kompendium des Schreckens, eine Ansammlung wahr gewordener Albträume, sachlich festgehalten. Und man vergisst mitunter dabei ganz, dass über alledem die katholische Kirche ihre schützende Hand hielt. Mit ihrem enormen Einfluss auf die irische Politik – die Verfassung der Republik wurde in den 30er Jahren entscheidend von katholischen Würdenträgern mitgestaltet – wurde die Wahrheit über die Gräueltaten an Kindern Jahrzehntelang unterdrückt. Erst vor 10 Jahren wurde eine Kommission eingesetzt, die Licht in das schreckliche Dunkel bringen sollte.
Die über 2500 Seiten zeichnen ein düsteres Bild und führen die Behauptung ad Absurdum, dass Glaube und Religiosität in irgend einer Weise das Gute im Menschen hervor bringen. Denn hier lässt sich nicht von Einzelfällen sprechen, nicht von Ausrutschern, nicht von Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Und das sollte allen, die immer noch meinen, dass der Mensch erst durch Religion ethisch handeln könne, ernsthaft zu denken geben.